Mit 48 Jahren erleidet Norbert Köster einen Schlaganfall und wird mitten aus dem Leben gerissen. Mehr als elf Jahre später ist der frühere Banker noch halbseitig gelähmt und zum Schweigen verdammt. Dass er trotzdem gesellschaftsfähig bleibt und seinen Hobbies nachgehen kann, verdankt er vor allem seiner Frau, dem Aphasiker-Zentrum Essen und der eigenen Kämpfernatur.

Kurz vor Weihnachten kommt Norbert Köster mit einem Kribbeln im Arm vom Tischtennis-Training nach Hause. Die Hand zittert so sehr, dass er die Tür nicht allein aufschließen kann. Der Filialleiter eines großen Geldinstituts ignoriert den Ausfall und geht schlafen. Erst am nächsten Tag sucht er einen Neurologen auf, der ihn umgehend ins Krankenhaus schickt. Dort erleidet der schlaksige Mann einen Schlaganfall, ausgelöst durch eine verschlossene Halsschlagader. Als seine Frau Claudia Köster ihn im Hospital besuchte, war sie geschockt: „Nichts ging mehr. Er konnte sich nicht bewegen und gab keinen Laut von sich.“

260.000 Schlaganfälle pro Jahr

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) zählt 260.000 Schlaganfälle pro Jahr. „Ausgelöst werden sie entweder durch eine Blutung im Gehirn oder – in 80 Prozent der Fälle – durch ein Blutgerinnsel, das ein Hirngefäß verschließt“, erklärt Privatdozent Dr. Oliver Kastrup, Leitender Arzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Katholischen Klinikum Essen. Das betroffene Areal des Gehirns stirbt ab, so kommt es zu Ausfallerscheinungen.

„Viele Schlaganfallpatienten“, so Dr. Kastrup, „sind nach einem halben Jahr wieder symptomfrei“. Dabei hilft vor allem eine sogenannte Lysetherapie. Per Infusion werden Patienten mit akutem, durch ein Gerinnsel ausgelösten Schlaganfall mit einem Gerinnungsmedikament versorgt, das den Weg zum Hirn wieder freigeben soll. „Die Lysetherapie ist allerdings nur in den ersten viereinhalb Stunden nach Eintreten des Schlaganfalls wirksam. Danach steigt außerdem das Risiko für Blutungen“, schränkt der Neurologe ein. Zusätzlich zur Lysetherapie erhalten Menschen, bei denen ein großes Gefäß verschlossen ist, eine Thrombektomie. Ärzte führen einen Katheter mit Stent über die Leiste Richtung Gehirn. Wie ein Drahtkäfig umschließt der Stent das Gerinnsel und der Pfropf wird zusammen mit dem Katheter herausgezogen.

Partiell abgestorbenes Gewebe kann regenerieren

Im Anschluss an die Akuttherapie werden bereits auf der Stroke Unit des Katholischen Klinikums Essen erste Rehamaßnahmen mit Logopädie, Physio- und Ergotherapie vorgenommen. Nach einer Akutfrührehabilitation im Krankenhaus folgt stationär oder ambulant eine weiterführende Reha. „Mit der richtigen Anschlusstherapie und viel Ehrgeiz kann auch partiell abgestorbenes Gewebe regenerieren oder können Funktionen verloren gegangener Areale durch andere übernommen werden“, spricht Dr. Kastrup Betroffenen Mut zu. Trotz aller Maßnahmen: „Mit der modernen Medizin können wir Prognosen zwar verbessern, aber bei weitem nicht bei allen Patienten die Symptome völlig zum Verschwinden bringen“, bedauert der Neurologe. Gründe seien zum einen ein zu großer Zeitverzug, wenn Symptome eines Schlaganfalls nicht oder zu spät erkannt würden. Zum anderen sei die Toleranz, wie lange das Gehirn ohne Sauerstoff schadenfrei übersteht, von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Bei manchen bilden sich sogenannte Umgehungskreisläufe, die die Blutzufuhr erhalten. „Das Gehirn ist eine sehr empfindliche Region“, betont Dr. Kastrup. Schon ab einer halben Stunde ohne Sauerstoff könnten Zellen absterben und bleibende Schäden verursachen oder zumindest lange Rehamaßnahmen notwendig machen.

Urlaube und Radtouren sind trotzdem möglich

Norbert Köster zählt zu den Unglücklichen, bei denen der Schlaganfall zu heftig oder die Zeit zwischen den ersten Symptomen und der Therapie zu lang war, um wieder in den gewohnten Alltag zurückzukehren. Seinen Job als Banker gab er auf, allein Brötchen holen ist ebenso wenig möglich wie Tischtennis spielen oder Auto fahren. Trotzdem lässt der Philanthrop sich nicht hängen. Einmal in der Woche trifft er sich mit früheren Fußball-Kumpanen zum Stammtisch, er unternimmt Urlaube und ist im Sommer jeden zweiten Tag mit dem auf seine Bedürfnisse modifizierten Liegefahrrad unterwegs. Eine große Unterstützung war ihm das Aphasiker-Zentrum, in dem er Gleichgesinnte traf, Hilfe in bürokratischen Fragen erhielt und an einer besonderen Musiktherapie teilnahm. Sprachrohr des Frührentners ist auch heute noch seine Frau. Während Norbert Köster gestikuliert und gelegentlich ein einzelnes Stichwort auf ein weißes DINA4- Blatt kritzelt, führt die Gemahlin seine Gedanken wie selbstverständlich aus. Der Gehandicapte reagiert mit erleichtertem Kopfnicken. „Wir  haben uns schon immer mit Blicken verstanden“, beschreibt Claudia Köster die zwischenmenschliche Symbiose der beiden.

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