Wenn der Darm rebelliert: Therapie entzündlicher Darmerkrankungen

Von einer Darmerkrankung ist fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens mindestens einmal betroffen. Meist sind es Bakterien, Viren oder auch Essensunverträglichkeiten, die Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall hervorrufen. Üblicherweise klingen diese Symptome nach ein, längstens zwei Wochen wieder ab und hinterlassen keine Folgeerscheinungen. Anders bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED): Diese treten ohne äußeren Anlass und in wiederkehrenden Schüben auf.

„Gerade in westlichen Industrienationen nehmen Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa seit einigen Jahren in teils erheblichem Umfang zu“, sagt Priv.-Doz. Dr. Olaf Guckelberger, Chefarzt der Chirurgischen Klinik I – Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie des Katholischen Klinikums Essen.

Entzündungsprozess im Darm
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind mit mehr als 300.000 betroffenen Patienten die beiden häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen in Deutschland. Morbus Crohn, eine nach dem amerikanischen Arzt Burrill Bernhard Crohn benannte Krankheit, kann prinzipiell jeden Abschnitt des Verdauungstrakts betreffen, tritt jedoch meist am Ende des Dünndarms oder am After auf. Colitis ulcerosa dagegen betrifft ausschließlich den Dickdarm. Beide Erkrankungen eint, dass ein Entzündungsprozess die Darmfunktion einschränkt. Folge sind häufige Durchfälle, Schmerzen im Unterbauch sowie Gewichtsverlust und Abgeschlagenheit.

„Die Krankheitszeichen variieren jedoch und hängen auch davon ab, welcher Abschnitt des Verdauungstrakts betroffen ist“, sagt Dr. Guckelberger. „Bei der Colitis ulcerosa können als erste Symptome auch Entzündungen außerhalb des Darms auftreten, beispielsweise Gelenkschmerzen.“ Da beispielsweise bei einer lang andauernden Colitis ulcerosa die Gefahr, an Dickdarmkrebs zu erkranken, stark erhöht ist, sollte Betroffene eher früher mit einem Arzt sprechen.

Modernes Bauchzentrum
Wie werden Morbus Crohn und Colitis ulcerosa diagnostiziert? „Um andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen, ist eine sichere Diagnose nicht immer leicht und nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch“, sagt Dr. Guckelberger, der auch Leiter des Bauchzentrums der Chirurgischen Klinik I im Philippusstift des Katholischen Klinikums Essen ist.

„Um sicher zu diagnostizieren, bündeln wir im Bauchzentrum das Wissen von Internisten und Chirurgen.“

Hier werden Patienten aufgenommen, deren Beschwerden sich nicht sofort eindeutig zuordnen lassen, etwa bei einem Verdacht auf Engstellen im Darm oder eben bei entzündlichen Darmerkrankungen. Die Patienten werden durch verschiedene Spezialisten behandelt, bis sich eine klare Zuordnung zu einer Fachabteilung ergibt.

Krankengeschichte
Die Diagnose beginnt üblicherweise mit der Krankengeschichte (Anamnese) sowie einer körperlichen Untersuchung, bei der der Arzt auch die Afterregion abtastet. Auch Blutwerte liefern Hinweise auf Entzündungsaktivitäten im Körper. „Die wichtigste Untersuchungsmethode ist jedoch die Darmspiegelung“, sagt Dr. Guckelberger. Dabei untersucht der Arzt den Darm mit Hilfe eines schlauchartigen Instruments, dem Endoskop. „Nur mit einer endoskopischen Untersuchung haben wir einen direkten Blick in den Dickdarm und Teile des Dünndarms, um festzustellen, ob Gewebe erkrankt ist.“ Bei Bedarf können direkt Gewebeproben entnommen werden. „Für den Patienten ist dies weitgehend schmerzlos“, betont Dr. Guckelberger. Auch Ultraschall und weitere bildgebende Verfahren, wie Computertomographie oder Magnetresonanztomographie, werden durchgeführt. „Ziel ist es stets, die Krankheitsherde abzubilden und zu erkennen“, sagt Dr. Guckelberger.

Ursachen
Die Ursachen chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen sind bis heute nicht restlos geklärt. „Sicher spielt eine genetische Veranlagung eine Rolle“, sagt Dr. Guckelberger, „denn insbesondere Morbus Crohn kommt in Familien gehäuft vor. Als widerlegt gilt jedoch die These, dass psychische Belastungen die Erkrankung auslösen.“

Stress kann das Leiden zwar verstärken, nicht aber verursachen. Auch eine sogenannte „falsche“ Ernährung ist weder für das Entstehen der Darmkrankheit noch für die Schübe verantwortlich.

„Es sind verschiedene, teilweise noch unbekannte Faktoren, die das Immunsystem dazu bringen, sich gegen den eigenen Körper zu richten und im Darm eine dauerhafte Entzündung hervorzurufen.“ Sicher ist jedoch, dass Rauchen die Schwere eines Morbus Crohn negativ beeinflusst.

Therapie
Steht die Diagnose Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa fest, muss dies nicht gleich ein aussichtsloser Schicksalsschlag sein, betont Dr. Guckelberger. Beide Erkrankungen sind in der Regel gut therapierbar. „Die Krankheiten verlaufen schubweise. Zwischen Zeiten höherer Krankheitsaktivität liegen regelmäßig auch längere Phasen von Beschwerdefreiheit. Bei Morbus Crohn führen bis zu 70 Prozent der Patienten durch die richtige Therapie wieder ein weitgehend normales Alltagsleben.“ Zum Einsatz kommen Medikamente wie Kortison oder spezielle Entzündungshemmer. Gerade bei Darmerkrankungen spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle, besonders bei Kindern oder Patienten mit Untergewicht. Allerdings: „Eine pauschale Empfehlung oder gar Diät gibt es nicht“, so Dr. Guckelberger. „Für jeden Patienten muss ein individueller Ernährungsplan erstellt werden.“ Bei der Colitis ulcerosa muss auch die komplette operative Entfernung des Dickdarms diskutiert werden, die sich auch ohne die dauerhafte Anlage eines künstlichen Darmausganges erreichen lässt.

 

Fragen an Priv.-Doz. Dr. Olaf Guckelberger, Facharzt für Chirurgie, Gefäßchirurgie und Viszeralchirurgie und Chefarzt der Chirurgischen Klinik I – Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie des Katholischen Klinikums Essen

Herr Dr. Guckelberger, welches Ziel verfolgt das Katholische Klinikum Essen mit dem Bauchzentrum?
Wir bündeln hier zwei wichtige medizinische Bereiche: die Gastroenterologie, die sich mit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts sowie den verbundenen Organen befasst, sowie die Viszeralchirurgie, die die operative Behandlung der Bauchorgane umfasst. Im Bauchzentrum sind diese Bereiche bestmöglich miteinander verbunden, was für die Patienten bessere und schnellere Diagnosen und Therapien bedeutet.

Die Symptome chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen sind recht unspezifisch. Wann sollte man zum Arzt gehen?
Als Erwachsener: Wenn der Durchfall mehr als drei Tage lang anhält und keine Tendenz zur Besserung erkennbar ist. Wenn die Durchfälle blutig sind, mit starken Bauchschmerzen und/oder Fieber verbunden sind, direkt noch am gleichen Tag.

Was raten Sie Betroffenen?
Auch wenn eine chronisch-entzündlichen Darmerkrankung diagnostiziert wurde, sollten Patienten nicht den Mut verlieren. Es gibt heute sehr gute, auch nicht-operative Behandlungsmöglichkeiten. Bei optimaler Therapie liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Betroffenen nicht unter derjenigen von Gesunden.

 

Kontakt:

Katholisches Klinikum Essen
Philippusstift
Priv.-Doz. Dr. Olaf Guckelberger
Leitender Arzt
Chirurgische Klinik I – Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie
Hülsmannstraße 17
45355 Essen
Fon: 0201 6400 3150
Mail: o.guckelberger@kk-essen.de

Marienhospital Altenessen
Priv.-Doz. Dr. Olaf Guckelberger
Leitender Arzt
Chirurgische Klinik I – Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie
Hospitalstraße 24
45329 Essen
Fon: 0201 6400 1310
Mail: o.guckelberger@kk-essen.de