Während ein Großteil der Bevölkerung gerne isst, kann Essen für andere durchaus mit Qualen verbunden sein. Betroffen sind Patientinnen und Patienten mit sogenannten Essstörungen. Dazu gehören zum Beispiel Magersucht und Bulimie. Prof. Dr. Cornelius Wurthmann, Leitender Arzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, beantwortet zu diesem Thema einige Fragen.

Prof. Wurthmann, Leitender Arzt der Klinik für Psychiatrie am Katholischen Klinikum Essen

Prof. Wurthmann, Leitender Arzt der Klinik für Psychiatrie am Katholischen Klinikum Essen

Wie äußern sich Magersucht und Bulimie?
Prof. Dr. Cornelius Wurthmann: Ein wesentliches Symptom ist das subjektive Gefühl, zu dick zu sein. Als Folge davon wird alles getan, um einen Gewichtsverlust herbeizuführen, wie zum Beispiel bei der Magersucht, oder um einer Gewichtszunahme durch Nahrung entgegen zu wirken, wie zum Beispiel bei der Bulimie. Dazu werden Appetitzügler, Abführmittel oder Flüssigkeit ausscheidende Medikamente verwendet. Andere betreiben exzessiv Sport, hungern oder führen Erbrechen herbei.

Was sind die Folgen?
Prof. Dr. Cornelius Wurthmann: Die Magersucht führt zu massiven Beeinträchtigungen der körperlichen Gesundheit. Es kommt zu Störungen der Hormone, Ausbleiben der Periode, Potenzstörungen sowie zu Osteoporose und zum Beispiel zu Herzrhythmusstörungen. Durch die Einnahme sogenannter Diuretika wird der Elektrolythaushalt gestört. Ungefähr 8 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten sterben an den Folgen der Magersucht. Bei der Bulimie ist die Sterblichkeit deutlich geringer.

Wie unterscheiden sich Bulimie und Magersucht?
Prof. Dr. Cornelius Wurthmann: Sowohl bei Bulimie als auch bei Magersucht wird der Körper als zu dick eingeschätzt. Mädchen und junge Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen und junge Männer. Patienten mit Bulimie haben im Gegensatz zu Patienten mit Magersucht Essanfälle. Meistens werden große Nahrungsmengen aufgenommen. Die Bezeichnung Essanfall hängt aber nicht von der Kalorienmenge ab. Schon die Aufnahme geringer Essensmengen kann subjektiv als Heißhungerattacke empfunden werden. Patienten mit Magersucht wiederum haben im Unterschied zu Patienten mit Bulimie ausgeprägte hormonelle Störungen und sind deutlich stärker untergewichtig.

Wo setzt die Therapie an?
Prof. Dr. Cornelius Wurthmann: Wenn Patienten mit Magersucht ins Krankenhaus kommen, sind sie oft in einem körperlich so schlechten Zustand, dass sie zunächst nicht psychotherapeutisch behandelt werden können. Ist der Zustand bereits lebensbedrohlich und wird trotzdem die Nahrungsaufnahme verweigert, erfolgt die Nahrungszufuhr nach richterlicher Genehmigung vorübergehend gegen den Willen. Dies sind aber Ausnahmesituationen. Die Psychotherapie der Essstörungen erfolgt immer auf freiwilliger Basis. Zunächst müssen die Ursachen der Störungen erarbeitet und erklärt werden. Patienten mit Bulimie und Magersucht haben sogenannte Körperschemastörungen. Sie halten sich für zu dick und zu fett. Sie leiden häufig unter vermindertem Selbstwertgefühl, haben Schwierigkeiten mit der Verarbeitung von Aggressionen und vielfach wurden in Kindheit und Jugend Bedürfnisse nach Autonomie nicht erfüllt. Sehr viele Patientinnen und Patienten wuchsen in streng reglementierten Elternhäusern auf. Es wurde nicht gelernt zwischen Hunger, Langeweile, Wut und anderen Gefühlen zu differenzieren. Im Rahmen der Behandlung werden den Patientinnen und Patienten vielfältige Informationen über Entstehung, Symptomatik, Verlauf und Behandlung der Essstörungen vermittelt. Es wird im Rahmen der Behandlung ein Plan für normal geregeltes Essen erstellt. In Einzelfällen kommen begleitend Psychopharmaka zur  Anwendung.

Welche Chancen auf Heilung haben Patienten?
Prof. Dr. Cornelius Wurthmann: Bei einer Anorexie haben wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge nach 10 bis 12 Jahren über 50 Prozent der zuvor Erkrankten keine Diagnose einer Essstörung mehr. Das heißt aber nicht, dass diejenigen völlig unauffällig sind. Etwa ein Drittel sind immer noch figur- und gewichtsfixiert. Nach einer Bulimie haben nach demselben Zeitraum sogar 70 Prozent der früheren Patienten keine Diagnose einer Essstörung mehr. Sowohl Betroffene als auch Therapeuten brauchen also einen langen Atem.

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