14-jähriges Mädchen kann nach Hüftoperation im Philippusstift wieder laufen

Nach Treppensturz, missglückter Operation in Indien und jahrelangem Leiden: Mit dem gelungenen Einsatz einer Hüft-Prothese gibt Dr. Heiko Rüttgers, Leitender Oberarzt der Chirurgischen Klinik II – Orthopädie und Unfallchirurgie, Hand- und Fußchirurgie am Katholischen Klinikum Essen einem 14-jährigen Mädchen aus Nigeria ein wichtiges Stück Lebensqualität zurück.

Dr. Rüttgers mit einer Wechselprothese

Mit gekrümmter Haltung, nach innen rotierendem Bein und schmerzverzerrtem Gesicht hinkt Yamina Ibori* in den Behandlungsraum der Chirurgischen Klinik II im Philippusstift Borbeck. Das Mädchen war vier Jahre zuvor eine Treppe hinuntergestürzt. Seither quälten sie starke Schmerzen. Ihr Gangbild verschlechterte sich zusehends. Eine Operation in Indien brachte keine Besserung – im Gegenteil, das Leiden wurde schlimmer. Auf Empfehlung von Bekannten setzte die Familie all ihre Hoffnung auf Dr. Rüttgers. „Auf dem Röntgenbild erkennt man“, erläutert der leitende Oberarzt, „dass Schrauben und Drähte teilweise locker, teilweise bereits abgebrochen sind“. Die Ursache für Schmerz und Fehlstellung liege somit auf der Hand.

Neue Hüftpfanne ermöglicht geraden Gang

In einem drei- bis vierstündigen Eingriff entfernt der Unfallchirurg das störende Metall, rekonstruiert die Hüftpfanne, die sich über die Zeit vollständig verschlissen hatte, und ermöglicht der Teenagerin damit wieder einen geraden, gesunden Gang.

Das Steckenpferd des Mediziners ist neben der Unfallversorgung und dem Implantieren von künstlichen Hüft-, Knie-, Schulter- und etwas seltener auch Sprunggelenken die sogenannte Revisionsprothetik. Darunter versteht man die Erneuerung von Implantaten. Ein Wechsel der Prothesen kann dann sinnvoll sein, wenn sich über die Zeit Verschleißerscheinungen zeigen, das Implantat sich abgenutzt hat, das Material gebrochen, beschädigt oder locker ist oder – in äußerst seltenen Fällen – die entsprechende Stelle sich aufgrund einer Kontamination entzündet hat.

Operation nur bedingt planbar

Weil die Revisionsprothetik deutlich anspruchsvoller ist als eine Primärimplantation, sollte sie unbedingt von einem auf diesem Gebiet erfahrenen Mediziner vorgenommen werden. Die Herausforderungen bestehen vor allem in der Unvorhersehbarkeit der Operation. Ein gelockerter Prothesenschaft ist auf dem Röntgenbild beispielsweise nicht immer eindeutig zu erkennen. Ebenso wenig wie fehlende Knochensubstanz, die sich nicht sichtbar hinter der Prothese verbergen kann.

„Eine Rentnerin hatte starke Schmerzen in der Hüfte, konnte nicht mehr laufen und war auf den Rollstuhl angewiesen“, erzählt Dr. Rüttgers. Deshalb habe sie sich trotz fortgeschrittenen Alters für eine Prothesenwechseloperation entschieden. „In der Operation habe ich festgestellt“, so der Mediziner weiter, „dass nicht nur die Pfanne locker war, sondern ich auch den Schaft problemlos herausziehen konnte.“ Er könne nicht immer sicher wissen, was ihn im OP-Saal erwarte, und müsse mit jeder Eventualität rechnen, so Dr. Rüttgers. Als Traumatologe ist er es jedoch gewohnt, spontan reagieren zu müssen.

EndoCert bescheinigt ausgezeichnete Qualität

Die Gewissenhaftigkeit, Akribie und höchste Kompetenz sind belegbar: Regelmäßig wird das EndoProthetikZentrum im Katholischen Klinikum Essen von der Initiative EndoCert für seine hervorragende Arbeit ausgezeichnet. Aber auch der Patient kann durch einen angepassten Lebenswandel viel für seine Genesung tun. Nach sechs Wochen Entlastung zeigte sich sowohl bei der Rentnerin als auch bei dem jungen Mädchen eine deutliche Besserung der Beschwerden. In dieser Zeitspanne heilt das Titan in die Knochen ein, verbindet sich mit ihnen und wird fest. Parallel werden Bein, Hüfte oder Schulter mit gezielter, individueller physiotherapeutischer Betreuung sowohl im Krankenhaus kurz nach der OP als auch hinterher ambulant wieder schonend mobilisiert.

„Natürlich verbleiben Restbeschwerden“, räumt Dr. Rüttgers ein. „Wir bekommen bei einer Rentnerin keinen Zustand hin wie bei einer 25- oder 30-Jährigen.“ Dennoch konnte sich die ältere Dame, die vorher noch auf einen Rollstuhl angewiesen war, nach der Operation wieder frei bewegen. „Auch das Mädchen war nach der Operation sofort schmerzfrei“, freut sich Dr. Rüttgers über den sehr erfreulichen Ausgang.

 

*Name von der Redaktion geändert.

 

Für wen macht eine Primärprothese Sinn?

  • Sie leiden unter starken Gelenkschmerzen und sind eingeschränkt in Ihrer Bewegung
  • Alle konservativen Möglichkeiten wie Bandagen, Physiotherapie und die Einnahme von Medikamenten sind ausgeschöpft
  • Auch der Röntgenbefund spricht für eine Prothese

Wann ist der Wechsel einer Prothese notwendig?

  • Verschleiß
  • Lockerung
  • Materialbruch oder
  • Infektion der eingesetzten Prothese

Welche Körperregionen eignen sich für einen Gelenkersatz?

  • Knie
  • Hüfte
  • Schulter
  • Sprunggelenk
  • Ellbogen

 

 

„Keine Revision ohne Plan B“

Dr. Heiko Rüttgers spricht im Interview über Revisionsprothesen, Herausforderungen und Schonungszeiten nach der OP.

Warum ist es nötig, bestehende Implantate zu ersetzen?

Dr. Heiko Rüttgers: Oft sind es normale Verschleißerscheinungen, die eine Revision erforderlich machen. Durch Bewegung nutzt sich das Material ab. Darüber hinaus kann es Materialbrüche, Lockerungen oder auch Infektionen geben. 80 Prozent der Standardprothesen sind aber nach 20 Jahren noch völlig funktionsfähig. 20 Prozent versagen irgendwann im Laufe der Zeit.

Wie ist der typische Ablauf eines solchen Eingriffs?

Dr. Heiko Rüttgers: Jede Operation ist anders. Ich muss auf alle Eventualitäten gefasst sein und mache keine Revision ohne Plan B. Auf dem Röntgenbild sehe ich beispielsweise nicht eindeutig, ob der Prothesenschaft locker ist oder wie viel Knochen übrig ist, um eine Situation zu schaffen, damit der Patient wieder richtig gehen kann. Das stelle ich manchmal erst während der Operation fest und muss flexibel auf die jeweilige Situation reagieren. Als Traumatologe bin ich situationsabhängiges Handeln aber gewohnt.

Was müssen Patienten nach der Operation beachten?

Dr. Heiko Rüttgers: Die entsprechende Körperregion wird nach einer Wechseloperation sechs Wochen lang entlastet bzw. nur teilbelastet. Parallel beginnt hier in der Klinik die Physiotherapie, die nach dem Krankenhausaufenthalt ambulant fortgeführt wird. Nach sechs Wochen röntgen wir erneut und machen einen Belastungstest. Danach dürfen Patienten in der Regel wieder normal belasten. Die meisten sind zu diesem Zeitpunkt bereits beschwerdefrei oder stellen zumindest eine deutliche Besserung im Vergleich zu ihrem Befinden vor der Operation fest.