Sogenannte Monoclonale Antikörper wecken bei Patienten mit Multipler Sklerose neue Hoffnung. Für wen diese Therapie geeignet ist und welche Wirksamkeit die Behandlung mit Antikörpern haben kann, darüber berichtet Prof. Dr. Judith Haas, Vorsitzende der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V.

Am 30. Mai 2018 ist Welt-MS-Tag – welche Botschaft hat Ihre Fachgesellschaft für Betroffene an diesem Tag?

Prof. Dr. Judith Haas

Prof. Dr. Judith Haas: Das diesjährige Leitmotiv der Multiple Sclerosis International Federation (MSIF) für den Welt-MS-Tag 2018 lautet: „MS-Forschung“. Der DMSG-Bundesverband hat mit Hilfe eines öffentlichen Wettbewerbs und Abstimmungen das diesjährige Motto und seine plakative Umsetzung ermittelt. „Unheilbar optimistisch“ – dieser scheinbare Widerspruch soll MS-Erkrankte und deren Angehörige dazu aufrufen, niemals aufzugeben. Mit einer unheilbaren Erkrankung optimistisch in die Zukunft zu sehen und nicht die Hoffnung zu verlieren, sondern die Fortschritte in der MS-Forschung als Licht am Horizont zu betrachten und darauf zu vertrauen, dass eines Tages aus unheilbar ein heilbar wird, darauf zielt das Motto ab. Die Informationsmaterialien Plakat, Postkarte und Flyer transportieren die Botschaft: Noch ist Multiple Sklerose nicht heilbar. Aber gemeinsam können wir es schaffen, die Forschung weiter voranzutreiben mit dem Ziel: Eine Welt ohne MS! Wir geben nicht auf! Darauf gilt es, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und weitere Unterstützer zu gewinnen. Dafür bietet der Welt MS Tag 2018 den Rahmen.

Monoclonale Antikörper in der MS-Therapie – für welche MS-Patienten ist diese Therapieform geeignet?

Die Wirksamkeit der Monoclonalen Antikörper ist vorrangig bei den schubförmigen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose und in großen Doppelblindstudien nachgewiesen. Eingesetzt werden diese Substanzen entsprechend der Zulassung bei der hochaktiven MS Das bedeutet immer wieder auftretende Schübe und neue Herde in der Magnetresonanztomographie (MRT) trotz Basistherapie. Monoclonale Antikörper werden nur in Ausnahmefällen als Ersttherapie der MS eingesetzt. Die Immuntherapie der MS wird jeweils dem Verlauf der Erkrankung angepasst und als Ersttherapie werden nebenwirkungsarme Therapien mit hoher Sicherheit im Langzeitverlauf gewählt. Erst wenn diese nicht ausreichen, das heißt neue Schübe auftreten und/oder Krankheitsaktivität im MRT, wird für eine stärker wirksame Therapie entschieden. Diese kann aber möglicherweise in Einzelfällen auch Komplikationen, beispielsweise eine höhere Infektanfälligkeit, mit sich bringen. Auch liegen zum jetzigen Zeitpunkt naturgemäß keine Daten zu den Risiken der neuen Immuntherapien im Laufe des Lebens vor. Solche Daten müssen erst über Jahrzehnte erhoben werden. Dieser Aufgabe hat sich das Deutsche MS Register der DMSG gestellt. Die Pharmaindustrie sammelt unabhängig diese Daten. Die Patientensicherheit und Aufklärung über Risiken und Chancen der Immuntherapie ist uns als DMSG ein ganz besonderes Anliegen. Seit 2018 steht nun auch erstmals eine Therapiemöglichkeit der sogenannten primär progredienten MS, einer Verlaufsform ohne erkennbare Schübe, zur Verfügung. Der Monoclonale Antikörper Ocrelzumab verzögert aber lediglich die Entwicklung der Behinderung. Dennoch ist es für Patienten, die noch nicht eine weitfortgeschrittene primär progrediente MS haben, eine erste neue Hoffnung.

Welche Wirkung bzw. welche Vorteile hat die Antikörpertherapie?

Die neuen Monoclonalen Antikörper greifen gezielt in die autoaggressiven, das heißt gegen das zentrale Nervensystem gerichteten, Entzündungsprozesse der Multiplen Sklerose ein, indem sie schädliche Immunzellen blockieren. Das Gedächtnis des Immunsystems wird also verändert und in gewissem Maße ein Zustand des Immunsystems wie vor der MS angestrebt. In Abhängigkeit vom Wirkungsmechanismus der verschiedenen Monoclonalen Antikörper ist auch die Therapiefrequenz verschieden. Der erste Monoclonale Antiköper gegen MS war Natalizumab, der den Eintritt der autoagressiven Zellen an der Blutshirnschranke blockierte. Die nur einmal pro Monat notwendige Infusion erlebten die Patienten schon als große Erleichterung, da sie sozusagen vier Wochen ihre MS vergessen konnten. Alemtuzumab wird nur einmal jährlich in einem Infusionscyclus gegeben, selten sind weitere jährliche Gaben notwendig. Ocrelizumab wird alle sechs Monate infundiert. Der Vorteil für die Patienten sind die langen therapiefreien Intervalle und die sehr gute individuelle Verträglichkeit, die eine hohe Lebensqualität mit sich bringen. Dennoch sind regelmäßige Arztkontakte notwendig, um mögliche bedrohliche Risiken der Therapien rechtzeitig zu erkennen.

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