Gynäkologin rät: Mit Beckenbodenschwäche rasch zum Arzt

Jede dritte Frau in Deutschland leidet im Lauf ihres Lebens unter einem schwachen Beckenboden. Folgen können eine Genitalsenkung und eine Blasenschwäche sein. Dennoch geht kaum eine Betroffene zum Arzt, in den meisten Fällen aus Scham und Angst vor einem gesellschaftlichen Stigma.

Eine Geburt, hormonelle Veränderungen während der Wechseljahre oder schwere körperliche Belastung können das Gewebe ausdünnen und den Muskel sowie die Bänder lockern. Die Gebärmutter oder die Scheide verschieben sich nach unten. „Typische Symptome sind ein Ziehen oder Schmerzen im Unterleib sowie der unwillkürliche Urinverlust. Meist steigern sie sich im Lauf der Zeit“, erklärt Dr. Justine Speth, Leitende Oberärztin der Gynäkologie im Marienhospital des Katholischen Klinikums Essen. „Die meisten Betroffenen schämen sich dafür, die Kontrolle über ihre Blase zu verlieren, und gehen meist ungern zum Arzt“, berichtet die Gynäkologin.

Die Gefahr, eine Beckenbodenschwäche zu erleiden, hängt mit dem besonderen Aufbau des Beckenbodens zusammen: Drei Muskel- und Bindegewebsschichten schließen die Bauchhöhle nach unten hin ab und verhindern so ein Absinken der inneren Organe. Die Muskeln stützen den unteren Rückenbereich und helfen unter anderem dabei, schwere Gegenstände hochzuheben und zu tragen. Außerdem verhindern Sie ein ungewolltes Austreten von Urin oder Stuhl. Unterbrochen werden die Muskelstränge von drei Durchlässen für Scheide, Harnröhre und Enddarm. Diese machen den Beckenboden jedoch instabil und lassen ihn gerade für Frauen zur Risikozone werden.

Daher ist es besonders wichtig, sich bereits bei den ersten Anzeichen einer Beckenbodenschwäche von einem Gynäkologen untersuchen zu lassen. „Gerade, wenn unbeabsichtigt mehr als ein paar Tropfen Urin austreten oder ein Fremdkörpergefühl in der Scheide stört, können zunächst mit vielfältigen nicht operativen Methoden die Beschwerden deutlich gemindert werden“, betont Dr. Speth. „Es handelt sich hierbei zum Beispiel um ein gezieltes Beckenbodentraining oder eine medikamentöse Therapie. Ebenfalls kann eine Pessartherapie hilfreich sein.“

Ist die Beckenbodenschwäche jedoch zu stark vorangeschritten, kann in den meisten Fällen nur noch eine Operation helfen. Dabei werden künstliche Stützen für Scheide (vaginale Netze) oder die Harnröhre (TVT-Band) eingesetzt und manchmal die Gebärmutter entfernt. In der Regel werden diese Eingriffe ohne großen Aufwand minimal-invasiv durch die Scheide oder die Bauchdecke durchgeführt. Die Betroffenen sind daher bereits nach wenigen Tagen wieder zu Hause – ohne Beschwerden und mit verbesserter Lebensqualität.