Prof. Dr. Wurthmann spricht über Panik, Phobien und andere Ängste

Höhenangst, Ekel vor Spinnen oder das Meiden großer Menschenansammlungen: Ängste gehören zum normalen Seelenleben dazu wie Trauer, Wut oder Zorn. Bei krankhaften Ängsten, die über das normale Maß hinausgehen, sollte allerdings ein Arzt oder Psychologe zu Rate gezogen werden. Die Heilungschancen sind recht gut, stellt Prof. Dr. Wurthmann, Leitender Arzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin im Philippusstift des Katholischen Klinikums Essen, fest.

„Wenn ein Kleinkind laufen lernt, sich dabei von der Mutter entfernt und es dann zu Trennungsängsten kommt, ist das normal“, sagt Prof. Dr. Wurthmann. „Wenn aber ein erwachsener Mensch Trennungsängste hat, nur weil jemand vorübergehend nicht bei ihm ist, ist das krankhaft.“ Krankhafte Ängste unterscheiden sich von normalen zum Beispiel dadurch, dass sie dem Entwicklungsstand nach unangemessen sind. Ängste sind auch krankhaft, wenn die Stärke und Dauer der Ängste nicht mehr kontrollierbar sind, wenn sie mit Flucht oder Vermeidung einhergehen und letztlich, wenn sie Leidensdruck verursachen.

„Ängste können relativ gut gebessert werden“

Der Psychiater und Psychotherapeut hat viele Jahre auf dem Gebiet der Angsterkrankungen geforscht, wissenschaftliche Publikationen verfasst und sich in diesem Bereich auch habilitiert. Er teilt krankhafte Ängste ein in Agoraphobien, spezifische Phobien, soziale Phobien, Panikstörungen und generalisierte Angststörungen. Seine erfreuliche Nachricht: „Ängste können relativ gut behandelt werden. 80 Prozent der Angstattacken, zum Beispiel, werden gebessert.“

Bei der Agoraphobie haben Betroffene Angst vor Enge, zum Beispiel in Menschenmengen und Kaufhäusern. Oder sie haben Angst, sich allein von zu Hause wegzubewegen sowie öffentliche Plätze zu betreten. Bei spezifischen Phobien handelt es sich um Ängste vor Höhe, vor Tieren, vor Zahnarztbesuchen, oder auch vor Spritzen. Patienten mit sozialen Phobien fürchten andauernd Situationen, in denen sie im Blickpunkt der Aufmerksamkeit anderer stehen. Sie bangen davor, etwas zu tun, was ihnen peinlich ist, wie Erröten, Erbrechen, Zittern.

Bei Panikstörungen kommt es zum attackenartigen Auftreten heftiger Ängste. Diese werden begleitet von starken körperlichen Symptomen, sodass zunächst körperliche Krankheiten als Ursachen der Beschwerden befürchtet werden. Die generalisierte Angststörung ist milder ausgeprägt als die Panikstörung. Dafür halten die Symptome länger an. Kernsymptome sind eine sich auf die vielfältigsten Lebensbereiche beziehende Überbesorgnis. Es kommt zu Anspannungen, Konzentrationsstörungen und körperlichen Begleiterscheinungen.

Vor der Therapie: körperliche Ursachen ausschließen

„Wichtig bei allen Ängsten ist es,  nach körperlichen Ursachen zu suchen“, sagt Prof. Dr. Wurthmann. Herzrasen und Panikattacken könnten beispielsweise auch durch Herz- oder Schilddrüsenkrankheiten verursacht werden. In solchen Fällen ist eine Behandlung von einem Organmediziner sinnvoll. „Liegen keine körperlichen Krankheiten vor, ist noch lange nicht der Beweis erbracht, dass eine psychische Störung vorliegt“, betont der Psychiater und Psychotherapeut. Die müsse durch eine eindeutige Erklärung erst nachgewiesen werden.

Ist eine Angststörung diagnostiziert, können Betroffene sich im Philippusstift des Katholischen Klinikums Essen sowohl ambulant als auch in der Tagesklinik oder im stationären Bereich behandeln lassen. Die stationäre Behandlung ist vor allem schweren Fällen vorbehalten. Überwiegend werden Angstpatienten ambulant behandelt.

Ängste einschätzen und richtig damit umgehen

Im Rahmen der Diagnostik wird die Entwicklung der Beschwerden erfasst, der soziale Werdegang erfragt und körperliche Vorerkrankungen notiert. Ganz früh klären die behandelnden Ärzte über das Thema Angst auf. „Je besser ein Patient informiert ist, umso wirksamer ist die Behandlung“, meint der Mediziner. In intensiven Gesprächen lernen Patienten, ihre Ängste einzuschätzen, das Auftreten zu verstehen und richtig einzuordnen. „Haben Patienten bisher bestimmte Situationen oder Objekte vermieden, ist das Ziel, sich hinterher nach entsprechender Vorbereitung mit diesen Ängsten zu konfrontieren“, sagt Prof. Dr. Wurthmann. Geprüft und gegebenenfalls korrigiert werden auch grundsätzliche Einstellungen oder Verhaltensweisen.

Eine Zunahme von Angststörungen aufgrund aktueller Bedrohungen beispielsweise durch Terroranschläge sieht der Professor nicht. „Sicher gibt es Menschen, die vorsichtiger geworden sind, beim Aufsuchen von Großveranstaltungen oder öffentlichen Plätzen. Das ist aber vernünftig, angemessen und nicht krankhaft“, betont Prof. Wurthmann und erklärt: Angst ist auch etwas Positives, besonders dann, wenn sie auf tatsächliche Gefahren hinweist“.

Das können Betroffene versuchen, um ihre Ängste zu überwinden:

  • Von krankhaften Ängsten nicht im Verhalten einengen lassen. Ist das dennoch der Fall, sollte sofort fachlicher Rat geholt werden.
  • Bei panikartigen Zuständen ruhig atmen, die Ängste zulassen und beobachten, was um einen herum passiert. Dabei möglichst nicht den eigenen Körper beobachten.
  • Jeder, der übermäßige Ängste entwickelt hat, sollte sich über mögliche Auslöser in der derzeitigen Lebenssituation Gedanken machen. Daraufhin ist zu prüfen, wie die Lebenssituation verbessert werden kann.