50 bis 130 Personen kommen pro Tag in die Ambulanz


Mit gekrümmter Hand und schmerzverzerrtem Gesicht steht ein junger Mann in der Notaufnahme des Philippusstifts Essen. Bei Gleisbauarbeiten hat sich beim Heben einer drei Tonnen schweren Schiene eine Winde gelöst und ist dem Auszubildenden in die rechte Hand gefahren. Der 18-Jährige kann seine geschwollene Hand kaum bewegen, klagt über höllische Schmerzen und spürt den Mittel- und Ringfinger nicht mehr.

Dr. Christoph Eicker, Chefarzt der Chirurgischen Klinik II – Orthopädie und Unfallchirurgie, Hand- und Fußchirurgie am Katholischen Klinikum Essen, und durch Zufall an diesem Tag statt im OP in der Notaufnahme, reagiert sofort. Der Handchirurg kontrolliert Reflexe und Taubheit der Finger und wirft per Ultraschall einen ersten Blick ins Innere der geschwollenen Hand. Seien Nerven ernsthaft beschädigt, müsse der 18-Jährige sofort operiert werden, zeigt sich Dr. Eicker in Alarmbereitschaft. Andernfalls drohten Folgeschäden bis hin zum Verlust der Hand. Das hätte auch Konsequenzen für die Erwerbsfähigkeit des jungen Mannes. Umgehend ordnet der Mediziner deshalb Röntgenaufnahmen, MRT und eine neurologische Untersuchung an.

Vorhofflimmern, Lungenembolie, Rippenbrüche
Im Flur der Ambulanz bringen unterdessen Rettungssanitäter weitere Patienten in die Notaufnahme: Eine Patientin mit Vorhofflimmern, einen Mann mit Lungenembolie und eine Frau, die nach einem epileptischen Anfall – nicht zum ersten Mal – mit Rippenbrüchen in die Klinik kommt. Zwischen 50 und 130 Personen durchlaufen laut Dr. Eicker täglich die Ambulanz. Hochfrequentierte Zeiten sind nach 17 Uhr bis kurz vor Mitternacht sowie an Wochenenden und Feiertagen, wenn Hausärzte sich im Feierabend befinden.
„Vom Verbandswechsel bis zum Polytrauma haben wir alles“, sagt Dr. Eicker. Für die Behandlung der Patienten stehen in der Ambulanz ständig mindestens ein Internist oder Kardiologe, ein Unfallchirurg und ein Neurologe zur Verfügung. Eine enge Zusammenarbeit besteht mit der Pflege, für die Diagnostik mit der Radiologie und mit dem Labor sowie zu den einzelnen Fachabteilungen. Bei Bedarf werden ein Psychiater oder weitere Ärzte hinzugezogen.

Sowohl das Philippusstift in Borbeck mit einem Schockraum, zwei Herzkathetermessplätzen und einer Stroke Unit im Haus als auch das St. Vincenz Krankenhaus in Stoppenberg mit zwei direkt anzufahrenden Herzkathetermessplätzen und weiteren Diagnostik- und Funktionsräumen sind Mitglied des TraumaNetzwerk Ruhrgebiet. Als solches erfüllen sie die Anforderungen zur Behandlung von Schwerverletzten nach den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und werden für ihre qualitativ hochwertige Versorgung regelmäßig zertifiziert.

„Seit wann sind wir hier?“, fragt im Flur der Ambulanz eine Frau mit hochgezogenen Augenbrauen ihren im Rollstuhl sitzenden Mann. Sie schaut auf die Uhr: 16.30 Uhr. Geschlagene zwei Stunden warten die beiden – wie etwa zehn weitere Patienten – auf eine ärztliche Untersuchung. Der Senior ist zu Hause kreislaufbedingt kollabiert. Ein Tropf in der Armbeuge versorgt ihn mit Flüssigkeit. Für weiterführende Untersuchungen muss er sich noch gedulden. „Ich mache Ihnen persönlich keinen Vorwurf. Aber es ist jetzt wirklich an der Zeit, dass wir dran kommen“, sagt er in ruhiger, aber bestimmter Tonlage zu einem vorbeilaufenden Pfleger. Der entschuldigt sich für die Wartezeit, verweist darauf, dass die Ärzte noch andere Patienten versorgen müssen und bietet ihm ein Bett an, wenn er sich hinlegen möchte.

Die Szene ließe sich auf jede beliebige andere Notfall-Ambulanz in Deutschland übertragen. Patienten warten – mitunter mehrere Stunden. Sie fühlen sich vergessen und nicht ernst genommen. „Wir können alle gut einschätzen, ob ein Patient ein Notfall ist oder noch warten kann und haben immer ein Auge drauf“, verspricht Jutta Smaxwil, Krankenschwester in der Notaufnahme des Philippusstifts. Viele Patienten, die selbstständig in die Ambulanz kämen, könnten noch essen, trinken und seien ansprechbar. Daher stünden sie in der Priorisierung weiter hinten als lebensbedrohlich verletzte oder erkrankte Menschen und solche, bei denen die kleinste Verzögerung ernsthafte bleibende Schäden nach sich ziehen könne.

In Rekordzeit steht ein Schockraumteam bereit
„Wir haben fast täglich den Fall, dass wir Patienten reanimieren und nebenan Leute meckern, weil sie warten müssen“, sagt die Pflegerin in resignierender Tonlage. „Wir werden beleidigt und manchmal sogar bedroht – von Jungen ebenso wie von 90-Jährigen“, berichtet sie und bedauert: „Das kommt leider immer öfter vor.“
Weggeschickt, ohne vom Arzt gesehen worden zu sein, wird niemand. Auch scheinbare Bagatellfälle könnten schlimme Ursachen haben und werden ernst genommen. Der Chirurg versichert: Im Notfall werden sofort alle Kräfte mobilisiert und bei Bedarf Ärzte aus den entsprechenden Abteilungen des Krankenhauses abgezogen. In Rekordzeit steht ein Schockraumteam beispielsweise aus Unfallchirurgen, Anästhesisten und Pflegern bereit, das nach strikten (Zeit-)Vorgaben wichtige lebenserhaltende Maßnahmen einleitet.

Mit Bagatellen zur Ambulanz der Kassenärztlichen Vereinigung
„Werden per Rettungsdienst am Fließband Notfälle eingeliefert“, so Dr. Eicker, „kann es schon sein, dass Patienten je nach Priorisierung bis zu vier oder fünf Stunden warten“. Bei harmlosen Verletzungen oder Erkrankungen sei es ratsam, außerhalb der hausärztlichen Sprechzeiten statt in die Notaufnahme in die Ambulanz der Kassenärztlichen Vereinigung zu gehen. Deren Räume befinden sich unter einem Dach mit den Krankenhäusern. Sie sind aber extra für ambulante Patienten vorgesehen und möglicherweise weniger stark frequentiert.
Für den jungen Gleisbauarbeiter gibt es nach Ultraschall, Röntgen und der elektrophysiologischen Untersuchung durch einen Neurologen eine erste kleine Entwarnung: Motorisch ist die Hand unauffällig und auch die Bildgebung zeigt keine ernsthaften Verletzungen. Um die befürchtete Operation kommt er herum. Nach zwei Tagen zur Kontrolle wird der Mann aus dem Krankenhaus entlassen, eine Woche später arbeitet er wieder.

Eine Notfallaufnahme heißt nicht umsonst so
Viele Patienten kennen sich im Dickicht Gesundheitswesen nicht aus und wissen vor allem an Wochenenden und Feiertagen nicht, wohin sie sich im Krankheitsfall wenden sollen. Dr. Roland Stahl, I (KBV) klärt über Alternativen zur Notaufnahme auf.

Wann sollten Patienten in die Notaufnahme, wann zum niedergelassenen Arzt gehen?

Dr. Stahl: Eine Notfallaufnahme heißt nicht umsonst so. Sie ist für schwere oder lebensbedrohliche Fälle vorgesehen. Die Rückenschmerzen aber oder der grippale Infekt können auch am Montag nach dem Wochenende in der Praxis behandelt werden.

Welche alternativen Möglichkeiten zur Notfallambulanz haben Patienten außerhalb der Sprechzeiten von niedergelassenen Ärzten?

Dr. Stahl: Außerhalb der Sprechstundenzeiten gibt es den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Dann stehen – je nach Bundesland – Praxen im Rahmen des Bereitschaftsdienstes offen oder es gibt teilweise Fahrdienste, die zu den Patienten kommen. Unter der bundesweiten Nummer 116 117 sind diese Dienste erreichbar oder werden entsprechend vermittelt.

Welche Angebote der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es für Patienten – beispielsweise auch in Krankenhäusern?

Dr. Stahl: An vielen Krankenhäusern haben die Kassenärztlichen Vereinigungen Portal- oder Ärztliche Bereitschaftsdienstpraxen eingerichtet. Dort erfolgt die ambulante Versorgung von Patienten, die keine Notfälle sind.

Ihre Fachklinik vor Ort

Katholisches Klinikum Essen

Philippusstift                                                       
Hülsmannstraße 17 
45355 Essen 

St. Vincenz Krankenhaus 
Von-Bergmann-Straße 2
45141 Essen