Ab Herbst neue Antikörper zur Prophylaxe auf dem Markt

Kopfschmerzen, Übelkeit, teils verbunden mit Ausfallerscheinungen wie Sehstörungen, halbseitigen Lähmungen und Taubheitsgefühl: Unter diesen Beschwerden leiden Migräne-Patienten von phasenweise etwa einmal im Monat bis hin zu hochfrequentiert mit deutlich häufigeren Attacken. Manche sind in 30 Tagen öfter krank als gesund. Jetzt geben neue Mittel zur Prophylaxe und zur Akutbehandlung Hoffnung.

„Wir Neurologen freuen uns mit den Patienten sehr, dass im Herbst oder Winter ein neuer Antikörper zur Prophylaxe auf den Markt kommt“, sagt Dr. Kastrup, Leitender Arzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie im Philippusstift Essen. „Überzeugend ist dabei, dass die Zahl an Migräneanfällen effektiv gesenkt werden kann und die Nebenwirkungen relativ gering sind.“ In Studien habe die Versuchsgruppe ebenso reagiert wie die Placebogruppe. „Es wurden also keine speziellen Nebenwirkungen beobachtet“, ist der Borbecker Mediziner beeindruckt.

Migräne trifft hauptsächlich junge Frauen

Laut Deutscher Gesellschaft für Neurologie (DGN) ist Migräne die häufigste neurologische Erkrankung. Betroffen sind vor allem Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren. „Als Ursache werden bestimmte Hormone angenommen, deshalb tritt die Krankheit nach den Wechseljahren in der Regel nicht mehr auf“, ordnet Dr. Kastrup ein. In Deutschland sind der DGN zufolge etwa 8 bis 10 Prozent der Männer und 10 bis 25 Prozent der Frauen betroffen.

Patienten, bei denen die Beschwerden phasenweise, also bis zu einmal im Monat auftreten, nehmen bei einem akuten Migräneanfall ein Standardanalgetikum wie Aspirin, Paracetamol oder Ibuprofen, bei Nichtansprechen ein sogenanntes Triptan. Danach ist die Attacke in der Regel beendet. Triptane sollten allerdings unter anderem wegen der Gefahr einer Abhängigkeit und chronischer Kopfschmerzen nicht allzu häufig eingenommen werden. Für Patienten, die hochfrequent von Attacken beeinträchtigt werden, soll eine Intervallvorbeugung mit Betablockern, Antiepileptika, Kalziumantagonisten oder Amitriptylin die Frequenz verringern.

Darüber hinaus gibt es eine Gruppe von Menschen, die unter hochfrequenter oder chronischer Migräne leiden und mehr Tage mit Attacken als beschwerdefreie Tage im Monat haben, sowie Menschen, die nicht gut auf die gängigen Prophylaktika reagieren. Für sie eignet sich das neue Medikament, das subkutan in mehrwöchigen Abständen als Spritze verabreicht wird. Das Antikörper-Medikament gegen CGRP, das ein körpereigenes Molekül ist, soll bei geringsten Nebenwirkungen die Migräne-Frequenz deutlich reduzieren. Der Hersteller Novartis bringt das Mittel im Winter dieses Jahres auf den Markt.

Trend aus den USA: Elektrische Stimulation statt Migräne-Medikamente

Für akute Migräne-Schübe dürfte in Kürze nach positiven Pilotstudien ein Trend aus den USA über den Atlantik nach Europa schwappen. Ein kleines Gerät, das über das Internet vertrieben wird und der Betroffene selbst bedienen kann, sorgt für eine elektrische Stimulation am Kopf oder Hals, am Stirn- oder Vagusnerv. Ziel ist, den Migräneanfall zu verkürzen und Beschwerden zu verringern. Prophylaktisch soll durch Magnetstimulation der Hirnrinde die Frequenz gesenkt werden. Eine abschließende Beurteilung der Wirksamkeit steht aus.

Hintergrund ist das Bestreben, Migräneanfälle nicht mehr medikamentös, sondern durch Stimulationsverfahren in den Griff zu bekommen. Auch die DGN gab kürzlich die Warnung heraus, dass die Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln zu einer Zunahme der Kopfschmerzhäufigkeit und zu chronischen Kopfschmerzen führen kann. Dr. Kastrup bestätigt in diesem Zusammenhang: „Bei der Einnahme zu vieler Schmerzmittel oder Triptane besteht die Gefahr Analgetika induzierter Kopfschmerzen, die sich häufen und von einem Teil auf den gesamten Kopf verschieben können.“

Migräne-App soll Frequenz und Schmerzen verringern

Eine von Techniker Krankenkasse und Schmerzklinik Kiel herausgegebene und seit zwei Jahren getestete Migräne-App soll Patienten mit häufig auftretenden Kopfschmerzen helfen, Frequenz und Intensität ihrer Beschwerden zu lindern. In einem Schmerztagebuch können Betroffene Attacken und damit verbundene Aktivitäten notieren, eingenommene Medikamente erfassen und ihren Kopfschmerztyp bestimmen. Automatisch ergänzt werden mögliche Auslösefaktoren wie das Wetter. Darüber hinaus zeigt die App Behandlungsmöglichkeiten sowie Übungen zur progressiven Muskelentspannung auf, warnt bei einer Übermedikation und ermöglicht über eine Chatfunktion den Kontakt zu Kopfschmerzexperten sowie über die Verknüpfung mit sozialen Netzwerken den Austausch mit anderen Betroffenen. Eine Simulation zeigt darüber hinaus, wie sich eine sogenannte Aura äußert und nimmt damit zum Beispiel bei einem erstmals auftretenden Akutfall die Angst, dass ein Schlaganfall oder Hirntumor Ursache sein könnten.


Entspannung und autogenes Training gegen Kopfschmerzen

Der Mediziner rät auch deshalb zu einer guten Prophylaxe mit den oben genannten Mitteln und hat darüber hinaus ein paar Tipps, was auch ohne Tabletten gegen Kopfschmerzen und insbesondere Migräne hilft. Dazu gehören regelmäßiger Ausdauersport, eine Normalisierung des Körpergewichtes und nicht-medikamentöse Entspannung beispielsweise durch autogenes Training und progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Außerdem rät Dr. Kastrup gerade Migräne-Patienten mit einer unausgeglichenen Work-Life-Balance zum Stressabbau. Helfen kann dabei eine Smartphone-App der Techniker Krankenkasse und der Schmerzklinik Kiel, die Betroffenen das Führen eines Kopfschmerztagebuchs erleichtert, Übungen zur progressiven Muskelentspannung bietet und bei Überschreiten der Einnahmegrenzen von Akutmedikamenten warnt. Manche Patienten profitierten auch von Magnesiumpräparaten und der zusätzlichen Aufnahme von Vitamin D.

 

Zum Thema Kopfschmerzen und Migräne lesen Sie auch das Interview mit Dr. Kastrup: „Für Migräne-Patienten besteht ein erhöhtes Schlaganfallrisiko“.