Kribbeln, Kraftverlust und Probleme bei feinmotorischer Arbeit: Ein Karpaltunnelsyndrom ist unangenehm, kann mit einer einfachen, unkomplizierten OP aber schnell behoben werden. Was das Tippen von WhatsApp-Nachrichten damit zu tun hat, über Herausforderungen bei der Diagnose und warum konservative Methoden oft nur kurzzeitigen Erfolg bringen, berichten Dr. Christoph Eicker und Dr. Peter Kaivers, Leitende Ärzte der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Hand- und Fußchirurgie im Philippusstift und St. Vincenz- Krankenhaus Essen.

 

Was passiert bei einem Karpaltunnelsyndrom?

Dr. Christoph Eicker: Der Karpaltunnel ist ein knöcherner Kanal, durch den Beugesehnen und Nerven laufen, unter anderem der Nervus Medianus. Dieser versorgt Daumen, Zeige-, Mittel- und eine Hälfte des Ringfingers. Über dem Karpalkanal befindet sich ein drei bis vier Millimeter dickes straffes Band, das eine Art Dach bildet – das sogenannte Karpalband. Tritt eine Schwellung der Hand auf, ist durch die Druckerhöhung im Karpalkanal die Nervenleitung gestört. Dadurch entstehen Verzögerungen der Weiterleitung von Nervenimpulsen, die sich beispielsweise durch das nächtliche Kribbeln in der Hand äußern.

 

Was sind Auslöser eines Karpaltunnelsyndroms?

Dr. Peter Kaivers: Ursache kann eine mechanische Belastung sein, die die Hand reizt und das Karpaltunnelsyndrom auslöst. Ebenso führen in manchen Fällen Schwellungen der Hand zu einem Karpaltunnelsyndrom, beispielsweise aufgrund von Erkrankungen wie Diabetes, Rheuma, Gicht, Fettstoffwechselstörungen. Der Nerv wird gegen das Karpalband gedrückt und damit auch schlechter durchblutet.

 

Was hat das Schreiben von WhatsApp-Nachrichten damit zu tun?

Dr. Christoph Eicker: Durch die mechanische Belastung mit extrem angewinkeltem Daumen, die beim schnellen Tippen von WhatsApp-Nachrichten entsteht, werden die Sehnenstränge überlastet. Die Handstellung mit Beugung oder Überstreckung des Handgelenkes kann  zusätzlich eine Engstellung im Karpaltunnel provozieren, wie dies zum Beispiel auch beim Fahrradfahren der Fall ist. Gleiches geschieht auch, wenn die Computermaus regelmäßig über einen längeren Zeitraum mit angewinkeltem Handgelenk bedient wird. Mögliche Folge ist ein Karpaltunnelsyndrom.

 

Warum sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Dr. Peter Kaivers: Das hat anatomische Ursachen. Bei Frauen ist der Karpaltunnel enger als bei Männern. Die Nerven haben also weniger Platz und werden bei Schwellungen eher auf ihrem Weg durch die Hand eingeengt. Außerdem können Wassereinlagerungen und Hormonumstellungen in der Schwangerschaft bei Frauen eine mögliche Ursache für ein Karpaltunnelsyndrom sein. Nach der Geburt lassen die Beschwerden aber meist wieder nach und das Problem erledigt sich von selbst.

 

Ihre Fachklinik vor Ort

Contilia-Gruppe
Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie, Hand- und Fußchirurgie

Dr. Peter Kaivers, Dr. Christoph Eicker
Leitende Ärzte

St. Vincenz Krankenhaus
Von-Bergmannstraße 2
45141 Essen
Fon: 0201 6400 3100
Mail: p.kaivers@kk-essen.de

Philippusstift
Hülsmannstraße 17
45355 Essen
Fon: 0201 6400 3201
Mail: c.eicker@kk-essen.de

Zahlen und Fakten

  • Jeder Sechste erleidet ein Karpaltunnelsyndrom
  • Die Retinakulumspaltung gehört in Deutschland mit zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen
  • Frauen sind zehnmal häufiger betroffen als Männer

 

Typische Symptome:

  • Morgensteifigkeit der Hand
  • Kraftverlust
  • Vor allem nachts das Gefühl laufender Ameisen in der Hand (lässt beim Aufstehen wieder nach)
  • Schmerzausstrahlung in den Arm

 

Warum tritt das Kribbeln bei allen Betroffenen vor allem nachts auf?

Dr. Christoph Eicker: Der mittlere Druck in den Blutgefäßen sinkt während der Nacht, wodurch es zu einer schlechteren Durchblutung der Nerven kommt, was letztendlich die Beschwerden verursacht.

 

Warum ist bei so klaren Symptomen die Diagnose trotzdem manchmal nicht eindeutig?

Dr. Peter Kaivers: Die Symptome verhalten sich wie ein Chamäleon und sind nicht immer eindeutig. Betroffene haben deshalb oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich, bevor die Diagnose Karpaltunnelsyndrom gesichert wird. Zudem müssen vor einer möglichen Operation unbedingt andere Krankheitsbilder ausgeschlossen werden. Zum Beispiel kann ein Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule eine ähnliche Symptomatik wie ein Karpaltunnelsyndrom auslösen. Wird der Karpaltunnel geöffnet, bleiben die Beschwerden aber bestehen, weil beispielsweise die Ursache an der Halswirbelsäule nicht behoben wurde.

 

Was passiert bei einer Operation?

Dr. Christoph Eicker: Durch einen Schnitt durch das Karpalband wird eine Druckentlastung vorgenommen. Wir durchtrennen das Band und schaffen damit Platz für Nerven und Beugesehnen. Früher ist dazu ein langer Schnitt zwischen Daumenballen und dem Kleinfingerballen vorgenommen worden. Heute setzen wir kleine, etwa zwei Zentimeter lange Schnitte auf der Handgelenksbeugeseite, um das Band zu untertunneln und zu durchtrennen.

 

Gibt es konservative Möglichkeiten, mit denen Patienten um eine Operation herumkommen?

Dr. Peter Kaivers: Selbstverständlich werden vor einer Operation zunächst die konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft. Zunächst kann der Unterarm zur Nacht in einer Schiene gelagert werden, damit nicht unbewusst eine Abwinkelung im Handgelenk stattfindet. Auch oral verabreichtes Kortison kann sich positiv auswirken. Möglicherweise lassen alleine damit die Symptome schon nach. Allerdings helfen diese Methoden häufig nur kurzzeitig und die Beschwerden treten später wieder auf. Viele profitieren deshalb von dem unkomplizierten Eingriff, der in der Regel 10 bis 15 Minuten dauert.

 

Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Dr. Christoph Eicker: Die Patienten kommen morgens zur Operation und können noch am selben Tag wieder nach Hause gehen, sofern jemand sie nach dem Eingriff 24 Stunden betreut. Aufgrund der lokalen Anästhesie würde der Operierte beispielsweise nicht merken, wenn er die Hand auf die heiße Herdplatte legt und könnte sich daher unbeaufsichtigt Verletzungen zuziehen. Ein Wattepolsterverband blockiert die Beugung der Hand, durch einen Schlauch fließt das Wundwasser ab. Beides wird am nächsten Tag in einer ambulanten Behandlung entfernt und durch ein Pflaster ersetzt. Zwei Wochen lang sollte der Patient danach nichts Schweres tragen, sich mit der betroffenen Hand nicht abstützen und wird durch Physiotherapie und in manchen Fällen Lymphdrainage alltagsfit gemacht. Danach ist die Hand wieder voll einsatzbereit.