Wenn sie die Kontrolle über ihre Blase verlieren, beginnt für viele Menschen ein emotionaler Leidensweg: Aus Angst, Urin zu verlieren, ziehen sie sich aus dem Alltagsleben und von Beschäftigungen zurück, die einst Freude bereiteten. Doch im Gegensatz zu früheren Jahren sind die Behandlungsmöglichkeiten besser denn je.

Diagnostik entscheidend

Mehr als fünf Millionen Deutsche sind von Harninkontinenz betroffen, mehr Frauen als Männer, mehr Alte als Junge. Da es viele verschiedene Formen der Harninkontinenz gibt, muss vor Beginn der Behandlung eine genaue Diagnostik durchgeführt werden. Durch die Zusammenarbeit mit den Fachkliniken des Katholischen Klinikums Essen bietet das Westdeutsche Kontinenz- und Beckenbodenzentrum des Katholischen Klinikums Essen für eine solche Diagnostik beste Voraussetzungen. Bei der Dranginkontinenz verspüren die Betroffenen einen plötzlichen und sehr starken Harndrang, den sie kaum oder gar nicht unterdrücken können. „Oft schaffen es die Patienten nicht einmal mehr rechtzeitig zur Toilette“, sagt Prof. Dr. Robert Wammack, Chefarzt der Klinik für Urologie und Neurourologie am Katholischen Klinikum Essen. „Viele trauen sich nicht einmal mehr, das Haus zu verlassen.“ Bei anderen Menschen sorgen Belastungen wie Husten, Lachen oder körperliche Betätigungen dafür, dass die Blase den Harn nicht hält. Mediziner sprechen dann von einer Belastungsinkontinenz. Häufig leiden
Patienten auch unter einer sogenannten Mischinkontinenz, bei der sowohl ein Urinverlust durch Belastung als auch ein unkontrolliert starker Harndrang ohne Belastung zusammenkommen.

Vielfältige Ursachen

Die Ursachen von Harninkontinenz sind vielfältig. Hinter einer Belastungsinkontinenz steckt bei Männern wie Frauen oft ein schwacher Beckenboden. Ursache hierfür kann beispielsweise eine Verletzung im Bereich des Beckens sein, wie sie bei Operationen entsteht, oder auch Übergewicht. „Für Frauen stellen Schwangerschaften und die Geburt eines Kindes eine extreme Belastung dar, welche den Beckenboden schwächt“, erklärt Dr. Martin Schütte, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Marienhospital Altenessen des
Katholischen Klinikums Essen. Bei einer Dranginkontinenz sind dagegen häufig Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose mitverantwortlich.

Schon kleine Dinge können helfen

Am Westdeutschen Kontinenz- und Beckenbodenzentrum behandeln Ärzte die Ursachen mit vielseitigen Methoden. „Im ersten Schritt prüfen wir, ob einfache Behandlungen wie gezieltes Beckenbodentraining oder Entspannungsverfahren Abhilfe schaffen“, so Prof. Wammack. „Ist das nicht ausreichend, besteht die Möglichkeit einer medikamentösen Therapie.“ Erst wenn konservative Behandlungsmethoden ausgeschöpft sind, sollte eine Operation in Betracht gezogen werden. In den häufigsten Fällen wird ein Kunststoffband eingesetzt, welches die Harnröhre stützt – die sogenannte Schlingen-Operation. Es gibt auch die Möglichkeit, einen künstlichen Schließmuskel einzusetzen, was jedoch sehr selten vorkommt. Bei dieser Methode wird zum Wasserlassen der Druck um die Harnröhre mittels eines Mechanismus manuell verringert. Zur Behandlung der Dranginkontinenz wird nach Versagen einer medikamentösen Behandlung Botox in den Blasenmuskel gespritzt. Eine Operation im
üblichen Sinn gibt es bei der Dranginkontinenz nicht. „Insgesamt operieren wir nur etwa 30 – 40 Prozent unserer Harninkontinenzpatienten. In den meisten Fällen führen die konservativen Therapien zu einer deutlichen Besserung oder Heilung der Symptome“, so Dr. Schütte.