Kaum jemand, der heute das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) des Katholischen Klinikums Essen in Borbeck aufsucht, ahnt, wie sehr es einem Dellwiger Mediziner zu verdanken ist, dass die Menschen – nicht nur – im nördlichen Ruhrgebiet wieder frei atmen können.

Clemens Schmeck wurde am 25. Mai 1918 als jüngstes von fünf Kindern des Hausarztes Ewald Schmeck (1875 – 1942) und seiner Frau Bernhardine in Dellwig geboren, der bereits 1899 am acht Jahre zuvor errichteten Bahnhof Dellwig eine eigene Praxis errichtet hatte. In der Tradition des Vaters studierte Sohn Clemens nach dem Abitur Medizin an den Universitäten in Hamburg, Leipzig, Freiburg und Würzburg und wurde dort 1942 mit „Beiträge[n] zur Klinik des Ekzems und zur Konstitution der Ekzemkranken“ zum Dr. med. promoviert.

Nach dem Tod des Vaters übernahm Clemens Schmeck noch im selben Jahr dessen Praxis und praktizierte dort bis zu seinem eigenen Tod 1984. Von 1951 bis 1974 amtierte er zudem als Vorsitzender des Bürger- und Verkehrsvereins für die Stadtteile Dellwig und Gerschede. In dieser Funktion unterstützte er insbesondere den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg schwer kriegszerstörten Wohngebiete im Essener Nordwesten. Vor allem lag Schmeck die Wohnumfeldverbesserung am Herzen, zu der er insbesondere die Luftreinhaltung im seinerzeit noch durch extrem hohe Schadstoffemissionen der Schwerindustrie belasteten Ruhrgebiet zählte. Dabei erlangte er erste Bekanntheit, als er im Juni 1959 bei der Staatsanwaltschaft Duisburg Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen die Direktion der Hüttenwerk Oberhausen AG erstattete. Hintergrund war seine Erfahrung als Mediziner, der bei seinen Patienten zunehmende gesundheitliche Beeinträchtigungen feststellte. Insbesondere bei Kindern registrierte er als Folge der Luftverschmutzung ein beunruhigendes Ansteigen von Bindehautentzündungen. Schmeck machte die fünf Thomas-Stahlkonverter der Oberhausener Hütte dafür verantwortlich, von denen jeder pro Stunde eine Tonne Staub in die Atmosphäre entließ. Weil jedoch die Anklagebehörde die Luftverunreinigung durch die Industrie als unvermeidbar ansah, wurde das Verfahren eingestellt. Auch ein Vorstoß beim Arbeits- und Sozialministerium in Düsseldorf brachte zunächst keinen greifbaren Erfolg, da die Verantwortlichen in der Industrie alle derzeit gegebenen technischen Möglichkeiten ausgeschöpft hätten.

Die Veröffentlichung einer Studie des Oberhausener Gesundheitsamtes und des Hygieneinstituts Gelsenkirchen zu Beginn des Jahres 1961 über die Zahl der Lungenkrebstoten bei Männern trug die Thematik in eine landesweite Öffentlichkeit. Das WDR-Fernsehen berichtete am 17. Februar 1961 über die Problematik der Luftverschmutzung und ließ vom Leiter des Oberhausener Gesundheitsamtes die Ergebnisse der Studie erläutern. Unter anderem befördert von diesen Ereignissen, nahm sich auch die große Politik des Themas an, und der spätere Bundeskanzler Willy Brandt prägte am 28. April 1961 in der Bonner Beethovenhalle bei der Präsentation des Wahlprogrammes seiner Partei den seinerzeit utopisch anmutenden Satz „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muß wieder blau werden“. Um seine Bemühungen auch vor Ort auf eine breitere Basis zu stellen, gründete Schmeck im Januar 1962 zusammen mit über hundert Dellwiger Bürgern die „Interessengemeinschaft gegen Luftverschmutzungsschäden und Luftverunreinigung“, die zu den ersten Bürgerinitiativen und Umweltschutzbewegungen der Bundesrepublik Deutschland gehörte. In den darauffolgenden Jahren rekrutierten sich die Mitglieder dieser Umweltschutzinitiative aus dem gesamten Bundesgebiet, und erst nachdem der Umweltschutz in Deutschland Allgemeingut geworden war, hat sich die Interessengemeinschaft im Jahr 1992 aufgelöst. Die Aktivitäten im Essener Norden erwiesen sich als so wegweisend, dass Schmeck in der Folge vom nordrhein-westfälischen Arbeits- und Sozialminister in den ebenfalls 1962 errichteten Landesbeirat für Immissionsschutz berufen wurde.

Clemens Schmeck starb am 28. Februar 1984. Seine Praxis führte nun – in dritter Generation – sein Sohn Dr. Jörg Schmeck fort, um sie im Juli 2009 zum Medizinischen Versorgungszentrum Essen-Nord-West GmbH (MVZ) am Katholischen Klinikum Essen umzuwandeln. Schon zu Lebzeiten wurde Clemens Schmeck hochgeehrt: 1961 machte das Wochenmagazin „Der Spiegel“ unter dem Titel „Luft-Reinigung. Zu blauen Himmeln“ bundesweit auf das Engagement des streitbaren Umweltpioniers aufmerksam. Im Jahr 1968 verlieh ihm der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz am Bande und 1982 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Bereits ein Jahr nach seinem Tod wurde dann an der Haus-Horl-Straße in Dellwig ein Gedenkstein mit Bronzeplakette aufgestellt und mit Beschluss des Rates der Stadt Essen vom 17. September 1986 wurde – ebenfalls in Dellwig – eine Straße nach Clemens Schmeck benannt. Schließlich erinnerte am 5. Juli 2011 ein Radio-Feature im Deutschlandfunk an den Mann, ohne den weder die saubere Luft im Ruhrgebiet noch das MVZ in Borbeck denkbar wären.

Ralph Eberhard Brachthäuser
Klinikpfarrer (DGfP) am KKE