Der Neurologe empfiehlt bei chronischen Kopf- und Rückenschmerzen vor allem eines: einen veränderten Lebenswandel

Ob Verklemmungen im Kreuz oder dauerhaftes Dröhnen im Kopf: Chronisches Leiden verringert die Lebensqualität und kann Patienten an den Rande des Wahnsinns treiben. Ist eine konkrete Ursache feststellbar, zeigt oft eine gezielte Therapie Wirkung. Lässt sich diese jedoch nicht ausmachen, stehen Ärzte und Patienten vor einer Herausforderung. Mit welchen Möglichkeiten das Problem oft zu meistern ist, berichtet Privatdozent Dr. Oliver Kastrup, Leitender Arzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Katholischen Klinikum Essen.

Wann ist für Menschen mit chronischen Schmerzen eine Multimodale Schmerztherapie sinnvoll?

Dr. Kastrup: Viele Patienten mit chronischen Schmerzen leiden an Muskel oder Rückenschmerzen, die interdisziplinär von Neurologen sowie Orthopäden und Unfallchirurgen behandelt werden. Akute Ursachen können durch eine entzündungshemmende Therapie oder Operation beseitigt werden. Das ist aber nicht immer möglich. In diesen Fällen ist die Multimodale Schmerztherapie der richtige Weg.

Welche chronischen Schmerzen behandeln Sie, die rein neurologischer Natur sind?

Dr. Kastrup: Das können chronische Muskelentzündungen, chronische Rückenmark- oder Nervenwurzelentzündungen oder das Fibromyalgie-Syndrom sein. Sehr häufig behandeln wir Patienten mit chronischen Kopfschmerzen, die entweder wiederkehrend oder dauerhaft sind. Das können Migräne, chronische Spannungsschmerzen oder Clusterkopfschmerzen sein. Darüber hinaus gibt es Kopfschmerzen, die durch zu viel oder durch die falschen Schmerzmittel bedingt sind, weil diese selbst wiederum Kopfschmerzen auslösen können. Dem versuchen wir mit einer konsequenten und konstanten Schmerztherapie, Kopfschmerzprophylaxe und auch mit multimodaler Schmerztherapie Herr zu werden. Häufig ist zudem eine Entwöhnung von den bisherigen Medikamenten notwendig, insbesondere wenn hochfrequent Schmerzpräparate eingenommen wurden, weil diese die Probleme noch verstärken können. Ziel ist stattdessen eine Steigerung der Aktivität sowie eine Desensibilisierung. Das heißt: Patienten sind angehalten, trotz Schmerz aktiv zu leben und beispielsweise Ausdauersport zu treiben. Je mehr jemand sich bewegt, desto weniger sensibel reagiert der Körper auf Schmerz.

Wie stehen die Heilungschancen bei Patienten mit chronischen Schmerzen?

Dr. Kastrup: Bei vielen traditionellen Behandlungsmethoden besteht ein hohes Risiko, dass die Schmerzen wiederkommen. Eine multimodale Therapie kann sehr erfolgreich sein und zu weniger Schmerzen beitragen, weil durch sie Patienten angeleitet werden, nicht in alte Lebensgewohnheiten zurückzufallen.