GesundInEssen sprach mit Prof. Klaus-Peter Jünemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e. V. (DKG), über Inkontinenz und die Arbeit der DKG.

Herr Prof. Jünemann, die DKG hat einen Expertenrat. Was sind dessen Aufgaben?
Im Expertenrat sind Mediziner aller für Harn- und Darminkontinenz relevanten Fachrichtungen vertreten. Dazu gehören unter anderem Chirurgen, Gynäkologen, Urologen, aber auch Physiotherapeuten und Schwestern sowie Vertreter aus der Pharmazie. Der Expertenrat erhält konkrete Aufgaben vom Vorstand und unterstützt ihn so in seiner Arbeit. Beispielsweise ist der Expertenrat für den Zertifizierungsprozess der Kontinenzzentren zuständig.

Was ist ein Kontinenzzentrum und welchen Vorteil haben Patienten bei einer Behandlung dort?
Kontinenzzentren sind spezialisiert auf die Behandlung von Harn- oder Darminkontinenz. Die Zentren sind von der DKG geprüft und zertifiziert. Das bedeutet, Patienten können sich darauf verlassen, dass sie zum einen alle relevanten Fachbereiche vorfinden, so dass die Ursprünge ihrer Inkontinenz eingehend untersucht werden können. Zum anderen können sie sicher sein, dass wirklich alle konservativen Methoden ausgeschöpft werden, bevor eine OP in Betracht gezogen wird. Die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen erlaubt es den Ärzten, ein individuelles Therapiekonzept zusammenzustellen, dass die Inkontinenz ganzheitlich behandelt. In den Zentren können in 60 bis 70 Prozent der Fälle Operationen gemieden werden. Das ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal, da wir festgestellt haben, dass inkontinente Patientinnen und Patienten viel zu häufig ohne ausreichende Diagnostik und ohne vorgeschaltete konservative Therapiemaßnahmen operiert werden.

Harninkontinenz gilt immer noch als Tabuthema. Was tut die DKG um die Akzeptanz von Harninkontinenz in der Gesellschaft zu steigern?
Inkontinenz – ob Harn oder Stuhl – ist immer noch ein riesen Tabuthema in unserer Gesellschaft. Der Druck zur Durchsetzung von Veränderungen kommt also von Seiten des Patienten. Die DGK bündelt die Interessen der Einzelnen und setzt sich in der Politik für einen offenen Umgang mit dem Thema Inkontinenz ein. So haben wir beispielsweise ein Projekt initiiert, bei dem Inkontinenzprodukte, wie Einlagen etc. nach einem standardisierten Verfahren auf Ihre Belastungsfähigkeit hin geprüft werden. Doch ohne den Rückhalt der Politik und den Willen der Unternehmen, Transparenz zu schaffen, ist eine Umsetzung kaum möglich, weshalb dieses Projekt kurz vor der Realisierung doch noch gescheitert ist.
Zudem bietet die DGK Aufklärungsmaterial für Laien und Betroffene an.

Viele Menschen, die unter Harninkontinenz leiden, haben Angst, dass andere es mitbekommen könnten. Gibt es Hilfsmittel, welche die Kleidung trocken halten und für andere unsichtbar sind?
Ja. Die Vorstellung, dass Kinder, Jugendliche oder Erwachsene dicke Windeln tragen müssen, ist vollkommen falsch! Es gibt sehr ansprechende Unterwäsche und sogar Bademoden, die mit einem saugfähigen Kern, dem sogenannten Pee Point, ausgestattet sind und sicher vor einem Austreten des Harns schützen. Außenstehende können die saugende Hilfsmittelwäsche kaum von „normaler“ Unterwäsche unterscheiden. Der Pee Point kann unterschiedliche Stärken annehmen, so dass bei jeder Stärke von Inkontinenz bestmöglicher Schutz geboten ist.

Wie hoch liegen die Heilungschancen bei Inkontinenz, wenn sie richtig behandelt wird?
Die Heilungschancen sind sehr gut. Man kann sagen, dass jedem geholfen werden kann. Es gibt vielfältige Behandlungsmöglichkeiten, die mit Muskeltraining oder geeigneter Medikation auskommen, ohne dass eine OP notwendig wird. Andere Patienten profitieren nur und häufig vollständig von einer Operation. Es kommt auf den Fall an. Dazu muss ich sagen, dass eine Besserung schneller und langfristiger erreicht werden kann, wenn Betroffene früher zum Arzt gehen.

Gibt es ein Patentrezept um Inkontinenz zu vermeiden?
Nein, ein Patentrezept gibt es nicht. Aber man kann einiges tun, um einer Inkontinenz vorzubeugen. Es hilft beispielsweise, Übergewicht zu vermeiden, insbesondere bei Frauen. Saure Säfte oder Limonaden reizen die Blase. Sie sollten nur in Maßen genossen werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Jünemann. Ihr gesund in Essen Team.
Essen, 05.08.2014.

Prof. Jünemann war von 14.November 2003 bis 14. November 2014 Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft, Anm. d. Red.