GesundInEssen.de sprach mit Prof. Ralf-Joachim Schulz, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie e. V. über die Entwicklung der Altersmedizin.

Herr Prof. Schulz, was genau ist die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie e. V.?
Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Ärzte, die sich auf die Medizin der späten Lebensphase spezialisiert haben. Wir sind also ein gemeinnütziger Verein, in dem sich die Ärzte, die sehr alte Menschen behandeln, also die Geriater, zusammengeschlossen haben. Die DGG wurde 1985 gegründet und hat derzeit rund 1900 Mitglieder. Wir sind damit die größte unter den Fachgesellschaften in Deutschland wie auch Europa, die sich mit der Medizin der späten Lebensphase befassen. Es gibt einen Vorstand, der ehrenamtlich arbeitet und alle Aktivitäten der Fachgesellschaft koordiniert. Ich bin hier der derzeitige Präsident. Parallel dazu haben wir noch eine Geschäftstelle und Mitarbeiter, die unsere Presse- und Öffentlichkeitsarbeit koordinieren. Schließlich möchten wir ja, dass das, wofür wir uns einsetzen auch gehört und gelesen wird.

Welche Ziel verfolgt also die DGG?
Um es kurz zu halten: Engere Netzwerke unter den verschiedenen ärztlichen Fachgebieten aufbauen, Nachwuchsgeriater gewinnen, das Fach wissenschaftlich und inhaltlich weiterentwickeln und die Kommunikation nach außen und innen weiter verbessern.
Wir fördern und koordinieren Forschung, Praxis und Lehre in der Geriatrie sowie die Entwicklung und Verbreitung neuer Konzepte und Strategien. Es werden regionale Fortbildungsveranstaltungen und Weiterqualifizierungen angeboten wie auch Möglichkeiten für Fortbildungen über unsere Website kommuniziert. Einmal im Jahr richten wir einen großen Kongress aus, damit wir Altersmediziner zusammenkommen, über aktuelle Entwicklungen diskutieren und mit viel hinzugewonnenem Wissen zurück in unsere Kliniken kehren.
Des Weiteren möchte die DGG Mediziner aller altersrelevanten Medizinfelder für geriatrische Sichtweisen und Erfordernisse sensibilisieren, insbesondere junge Ärzte. Man muss einen alten Menschen anders behandeln – so wie wir alle mit unseren Kindern ja auch zu einem Kinderarzt gehen. Medikamente wirken bei Kindern wie auch bei alten Menschen ganz anders – auch hierauf machen wir verstärkt aufmerksam. Gerade ist es uns gelungen die jeweilige Sichtweise auf den alten Menschen in den Ausbildungsplänen der Medizinstudierenden an der Universität zu verankern. Wenn die Studenten jetzt also lernen, wie z.B. die Leber arbeitet und wie diese im Ultraschall aussieht, dann lernen sie ab sofort auch, wie sich das Organ im Alter verändert, wie es dann aussieht und arbeitet. Das war ein ziemlicher Durchbruch. Dafür haben wir lange gekämpft!
Denn immerhin stehen wir im Zuge des Demographischen Wandels vor großen Versorgungsaufgaben. Die Geriatrie braucht deshalb vorausschauende, zupackende und umsichtige Ärzte.

Inwiefern profitieren ältere Patienten und deren Angehörige von der Arbeit ihrer Fachgesellschaft?
Besser ausgebildete Altersmediziner, mehr Altersmediziner, mehr Betten im Krankenhaus und eine deutlich verbesserte Situation in der Reha und ambulanten Versorgung nach der Entlassung – das ist der unmittelbare Profit von Patienten und Angehörigen. Auch sorgen wir dafür, dass in naher Zukunft Hausärzte, Zahnärzte, Orthopäden oder Hautärzte auch alle im Umgang mit sehr alten Patienten geschult sind.
Um Ihnen einige Beispiele zu geben: Viele alte Menschen stürzen zu Hause und kommen dann ins Krankenhaus. In der Notaufnahme haben wir jetzt durchgesetzt, dass durch die Beantwortung eines Fragebogens gleich überprüft wird, ob dieser Patient neben einem Unfallchirurgen auch einen Geriater an seiner Seite benötigt, also jemanden, der alle Medikationen überprüft, die Situation besser erklärt, einfach viel besser auf die Bedürfnisse des älteren Patienten eingehen kann. Ein Unfallchirurg würde sich nur die verletzte Hüfte ansehen und diese behandeln. Wir sehen den ganzen Menschen. Ein Geriater schaut zum Beispiel: Ist der Patient vielleicht gestürzt, weil ein neues Medikament in Kombination mit einem anderen Schwindel oder Benommenheit ausgelöst hat? Ist der Patient verwirrt? Zeichnet sich eine Demenz ab? Ist der Patient vielleicht mangelernährt und muss ein bisschen aufgepäppelt werden?

Der Geriater ist also der Lotse des alten Menschen mit Blick auf alles Medizinische?
Ganz genau! Wir nehmen den alten Menschen an die Hand und nehmen uns Zeit, genau zu ergründen, wie wir ihn optimal behandeln können. Bei einem Demenzpatienten zum Beispiel ist es ganz wichtig, Aufenthalte im Krankenhaus zu vermeiden. Eine neue Umgebung macht diesen Patienten große Angst. Sie finden sich hier nicht zurecht. Entsprechend schulen wir die Hausärzte und das Personal von Altenheimen.
Wenn es doch nicht anders geht und der Patient mit Alzheimer ins Krankenhaus muss, dann etablieren wir gerade ganz konkrete Konzepte für spezialisierte Demenzstationen. Einrichtung und Beleuchtung sind dann zum Beispiel auf die Bedürfnisse dieser Menschen abgestimmt und nehmen durch warme Farben und wohnliches Mobiliar Ängste. Und selbstverständlich müssen alle Personen in der Klinik genau wissen, wie man mit einem Demenzpatient umgeht. Hier können wir dann auch Angehörige schulen und sie in der Planung unterstützen, wie es nach dem Klinikaufenthalt weitergeht.

Unter dem Motto „Altersmedizin? Geht uns alle an!“ machen Sie auf die Arbeit der DGG aufmerksam. Ist der Gedanke der Geriatrie bereits in der Gesellschaft und insbesondere bei der Ärzteschaft und der Politik angekommen?
Ein ganz klares JEIN! Also Ärzteschaft und Politik kennen ganz sicher den Geriater und wissen, für was die Geriatrie steht und das dieses Fach immer wichtiger wird. Aktuell wächst zum Beispiel die Zahl der Lehrstühle an den Universitäten von sieben auf 22! Das heißt also, dass die Universitäten der Ausbildung der Geriater eine hohe Bedeutung beimessen. Und auch in der Politik dringen wir mehr und mehr durch. NRW hat beispielsweise im vergangenen Jahr ein Gesetzt verabschiedet in dem geschrieben steht, dass mehr Krankenhausbetten für die Geriatrie eingerichtet werden müssen und Kliniken untereinander verpflichtet werden Versorgungsnetzwerke zu knüpfen. Aber natürlich kann und muss alles noch besser werden und mehr passieren.
In der Gesellschaft ist das Thema Altersmedizin glaube ich noch nicht ganz angekommen. Das liegt aber auch daran, dass es eben nicht so viele Geriater gibt – vor allem nicht im ambulanten Bereich. Erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt. Und dass er nicht über bestimmtes Spezialwissen verfügt, wissen viele eben nicht. Obwohl sich natürlich schon viele Hausärzte auf diesem Gebiet fortbilden. Aber längst noch nicht alle. Es ist aber noch nicht an mein Ohr gedrungen, das Patient oder Angehöriger explizit nach einem Geriater verlangt haben. Das würde ich mir für die Zukunft wünschen. Sie sehen also: Es gibt noch viel zu tun! Ganz im Sinne unserer Patienten!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Schulz. Das Gesund in Essen Team.
Essen, 07.04.2014