Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 60.000 Fälle von Darmkrebs diagnostiziert, mehr als 20.000 Menschen sterben daran. Darmkrebs ist eine besonders tückische Krebsart, denn der Tumor entwickelt sich schleichend. Betroffene haben meistens keine Beschwerden, sie merken nicht, dass sie erkrankt sind. Die gute Nachricht: Durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen lässt sich Darmkrebs in den meisten Fällen vermeiden.

Die Krankheitsgeschichte von Manfred Ochlich beginnt im Frühjahr 2013. Im Anschluss an eine Herz-OP und der Entlassung aus dem Krankenhaus schwellen Beine und Bauch des damals 75-Jährigen aufgrund von Wasseransammlungen stark an. Sein Hausarzt überweist ihn sofort an das Katholische Klinikum Essen. Dort entdeckt das Team um Dr. Winfried Berger, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Internistische Onkologie am Marienhospital Altenessen, einen Krebstumor in Manfred Ochlichs Dickdarm. Der hatte den Krebs zuvor nicht bemerkt. „Ich habe mich bis dahin absolut gesund gefühlt“, erzählt er.

Vorsorgeuntersuchungen können Leben retten

„Wie Herrn Ochlich geht es vielen Patienten. Sie verzichten auf Vorsorgeuntersuchungen, weil sie sich gesund fühlen. Leider hat das oft fatale Folgen“, so Dr. Berger. „Zur Darmkrebsvorsorge sollten Menschen deshalb unbedingt auch ohne verdächtige Symptome wie Schmerzen gehen.“ Es gibt verschiedene Tests, um Darmkrebs festzustellen: Den Stuhl-Blut-Test, die Tastuntersuchung und die Darmspiegelung. Die Kosten für den Stuhl-Blut-Test sowie für die Tastuntersuchung werden ab dem 50. Lebensjahr von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, für die Darmspiegelung ab 55 Jahren.

Enddarm am häufigsten betroffen

Als Darmkrebs werden Krebserkrankungen des Dickdarms (Kolon), des Enddarms (Mastdarm, Rektum) und des Darmausgangs (Anus) bezeichnet. Der Enddarm ist am häufigsten betroffen. Grundsätzlich kann in jedem Darmabschnitt Krebs entstehen. In der Regel bildet er sich jedoch im Dickdarm oder im Enddarm, also in den letzten 16 Zentimetern des Darms.

Vom Polypen zum Krebs

In mehr als 90 Prozent aller Fälle entwickelt sich Darmkrebs aus einem sogenannten Polypen, einer Vorwölbung der Schleimhaut, die in das Darminnere ragt. Polypen sind gutartige, pilzähnliche Wucherungen, aus denen sich Krebs entwickeln kann. Die Entwicklung vom Polypen zum Karzinom, also zum Krebstumor, dauert etwa sieben bis zehn Jahre. Diese Zeitspanne nennt man Adenom-Karzinom-Sequenz. „Wird der Polyp während der Adenom-Karzinom-Sequenz entfernt, kann Darmkrebs in den meisten Fällen vorgebeugt werden“, bestätigt Dr. Berger.

Risikofaktor Alter

Um das 50. Lebensjahr nimmt die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, sprunghaft zu. „Gerade weil Darmkarzinome erst in einem sehr späten Stadium Beschwerden hervorrufen, nämlich dann, wenn eine Heilung kaum oder nur schwer möglich ist, sollte man die Möglichkeiten zur Vorsorge unbedingt nutzen“, so Dr. Berger. Auch der Darmkrebs von Manfred Ochlich hätte durch eine Routine-Vorsorgeuntersuchung in einem früheren Stadium entdeckt werden können.

Hämoccult-Test und Tastuntersuchung

Mithilfe des Stuhl-Blut-Tests, auch Hämoccult-Test genannt, wird festgestellt, ob sich Blut im Stuhl befindet. Ein negativer Test bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass keine Polypen oder kein Karzinom im Darm vorhanden sind. Es kann sein, dass diese zum Zeitpunkt des Tests eben nicht bluten. Genauso wenig bedeutet ein positiver Test, dass man an Polypen oder Darmkrebs leidet, da die Darmschleimhaut auch aus anderen Gründen bluten kann. Bei einem positiven Test wird deshalb eine Darmspiegelung durchgeführt. Bei der Tastuntersuchung tastet der Arzt den Bereich des Enddarms ab. So kann er Karzinome entdecken, die sich am Darmausgang befinden. Beide Tests sollten jährlich durchgeführt werden.

Koloskopie, die sichere Vorsorge

Die zuverlässigste Methode zur Darmkrebs-Früherkennung ist die Darmspiegelung, im Fachjargon Koloskopie genannt. „Die Koloskopie ist in erster Linie dazu gedacht, Polypen zu entdecken, aus denen sich später Karzinome entwickeln können“, erklärt Dr. Berger. Dazu führt der Arzt ein Endoskop, also einen Kunststoffschlauch mit einer Kamera, in den Darm. Mit Hilfe dieser Kamera kann er Polypen schon dann erkennen, wenn sie gerade einmal die Größe einer Stecknadel haben. „Das Besondere an der Koloskopie ist, dass sie nicht nur eine Vorsorgeuntersuchung darstellt, sondern gleichzeitig auch die Behandlung“, erklärt Dr. Berger. „Haben wir einen Polypen entdeckt, führen wir über das Endoskop ein kleines Instrument ein, mit dem wir den Polypen von der Darmwand abzwicken. Aus diesem Polypen kann sich dann kein Darmkrebs mehr bilden.“ Die Patienten bekommen vor der Untersuchung ein leichtes Narkosemittel, so dass sie die Behandlung nicht spüren. Auch die Gabe eines Beruhigungsmittels ist möglich.

Risikopatienten: Darmkrebsvorsorge unter 50

Gibt es in der Familiengeschichte Fälle von Darmkrebs, sollte man bereits in jüngeren Jahren die Vorsorgeangebote wahrnehmen. „Zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter des Angehörigen sollte man sich untersuchen lassen“, sagt Dr. Berger. Auch wer an einer chronischentzündlichen Darmerkrankung wie Colitis Ulcerosa oder Morbus Crohn leidet, gehört zu den Risikopatienten und sollte bereits vor dem 50. Lebensjahr regelmäßig zur Vorsorge gehen.

Diagnose und Behandlung von Darmkrebs

Liegt der Befund Darmkrebs vor, richtet sich die Therapie nach dem Ausmaß der Erkrankung. „Im Fall von Herrn Ochlich konnten wir den gesamten Krebs im Rahmen eines operativen Eingriffs entfernen“, so Dr. Berger. „Der Krebs hatte zu diesem Zeitpunkt aber bereits eine Metastase in der Leber gebildet, die wir operativ nicht entfernen konnten. Diese behandeln wir mit einer Chemotherapie.“ Die Metastase spricht auf die Therapie an und zeigt wenige Nebenwirkungen: „Ich vertrage die Chemo wirklich gut“, so Manfred Ochlich. „Die einzigen Auswirkungen sind ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen und dass ich schneller müde werde als sonst.“ In vierzehntägigem Rhythmus bekommt er die Chemotherapie. Zur Sicherheit bleibt er dann für eine Nacht im Marienhospital Altenessen. Durch seine häufigen Aufenthalte kennt er das Pflegepersonal der Onkologie schon gut. „Ich fühle mich dort gut umsorgt“, sagt der Borbecker.

Chemotherapie und Bestrahlung bei Darmkrebs

Chemo- und Strahlentherapie spielen nicht nur bei der Behandlung von Metastasen eine wichtige Rolle. Sie werden auch angewandt, um einen Tumor zu verkleinern, wenn er zu nah am Darmausgang liegt. Das erhöht die Chancen, den Schließmuskel bei einer Operation erhalten zu können. Weiterhin findet die Chemo- und Strahlentherapie im Anschluss an eine Operation Anwendung. Hier trägt sie zur Verbesserung des Behandlungserfolgs bei, indem sie das Risiko eines Rückfalls verringert. Außerdem kommt sie zum Einsatz, wenn eine Operation nicht möglich ist, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Vernetzung der Kliniken verbessert Behandlung

„Eine Krebserkrankung stellt immer auch ein Risiko für die umliegenden, nicht betroffenen Organe dar“, erläutert Dr. Hans-Georg Krengel, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am St. Vincenz Krankenhaus und Marienhospital Altenessen des Katholischen Klinikums Essen. „Deshalb werden am Katholischen Klinikum Essen in jedem Stadium der Erkrankung verschiedenste Fachkliniken in Diagnose und Therapie miteinbezogen.“ So steht den behandelnden Ärzten das kollektive Wissen hochspezialisierter Fachärzte aus verschiedenen Fachkliniken zur Verfügung. Auch die speziell onkologisch geschulten Pflegefachkräfte sind ein wichtiger Bestandteil des Teams. „Neben der internen Vernetzung ist für uns die Einbeziehung der Niedergelassenen wichtig, damit die Patienten auch nach ihrer Entlassung gut betreut sind“, so Dr. Krengel. Eine vorbildliche Zusammenarbeit besteht zum Beispiel mit der Praxis von Dr. Schramm-Gross und Dr. Rotter im Essener Norden. Durch diese Kooperationen erfolgt eine individuelle Behandlung aller Krebserkrankungen auf höchstem medizinischen Niveau. Auch in Sachen Aufklärung ist das Team des Katholischen Klinikums Essen anderen voraus: „Für das Projekt ´1000 Leben retten Ruhr´ zur Darmkrebsprävention sind wir im vergangenen Jahr mit dem Felix- Burda-Award ausgezeichnet worden“, berichtet Dr. Krengel. Er ist Mitinitiator und Mitglied der Projektgruppe.