GesundInEssen sprach mit Dr. Christa Maar, Vorstand der Felix Burda Stiftung, über Darmkrebs und Darmkrebsvorsorge.

Frau Dr. Maar, die Felix Burda Stiftung wurde gegründet, weil ihr Sohn, Felix Burda, im Alter von 33 Jahren an Darmkrebs starb. Was möchten Sie über die Stiftung, die seinen Namen trägt, erreichen?
Wir haben die Stiftung nach dem Tod meines Sohnes Felix gegründet, weil wir gesehen haben, dass es für einen spät entdeckten Darmkrebs keine Heilungsmöglichkeit gibt. Auf der anderen Seite ist dies der einzige Krebs, den man durch Vorsorge verhindern kann. Das hat damit zu tun, dass er aus Polypen entsteht, die lange gutartig sind, bevor sie irgendwann zu Krebs entarten. Sie werden bei der Darmspiegelung abgetragen, eine echte Vorsorge also. Wir möchten Menschen mit unserer Arbeit zur Teilnahme an Darmkrebsvorsorge motivieren. Man kann statt einer Darmspiegelung auch einen Test auf Blut im Stuhl machen, aber der ist wesentlich ungenauer, da die Tumoren und Polypen nicht dauernd bluten und er dann keinen Alarm gibt. Die Vorsorgedarmspiegelung wird von den gesetzlichen Krankenkassen ab dem 55. Lebensjahr bezahlt. Wer nahe Angehörige mit Darmkrebs hat, hat ein erhöhtes Risiko für diesen Krebs und sollte mit spätestens 40 bis 45 Jahren eine Vorsorgedarmspiegelung machen. Bislang gibt es noch keinen gesetzlichen Anspruch auf die Bezahlung einer früheren Vorsorgedarmspiegelung, aber die Krankenkassen erstatten sie für familiär Belastete in der Regel trotzdem. Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen zur Teilnahme an Darmkrebsvorsorge zu bewegen, um die Zahl der Erkrankten und der an diesem Krebs versterbenden Menschen deutlich zu senken.

Die Felix Burda Stiftung besteht bereits seit über 10 Jahren. Wie hat sich die Wahrnehmung von Darmkrebs und insbesondere der Darmkrebsvorsorge in der Gesellschaft seit ihrer Gründung verändert?
Wir wollten aufklären und das Thema, das hoch tabuisiert war, in die Öffentlichkeit bringen. Die Herausforderung war, Darmkrebs mit einem positiven Image zu versehen. Deshalb arbeiten wir viel mit Prominenten zusammen. Sie werden positiv wahrgenommen und durch ihren Bekanntheitsgrad bekommen sie auch bei solchen schwierigen Themen viel Aufmerksamkeit. Wir haben am Anfang häufig gehört, das schafft ihr nie. Aber wir haben uns davon nicht beirren lassen und immer weiter gemacht. Heute ist Darmkrebs ein Thema, über das man sich ganz normal unterhalten kann. Man sieht das auch an der Reaktion der veränderten Einstellung der Medien. Das ZDF hat unsere Spots mit Vitali Klitschko und Paul Breitner dieses Jahr im Darmkrebsmonat März kostenfrei zur besten Sendezeit vor Beginn der 19-Uhr-Nachrichten ausgestrahlt. Und in den Zeitschriften aller großen Verlage werden unsere Anzeigen kostenfrei veröffentlicht. Es ist wichtig, dass man so einen Aktionsmonat jedes Jahr im März wiederholt, damit das Thema in der Öffentlichkeit präsent bleibt.
Vor 10 Jahren wussten lediglich 20 Prozent, dass es für Darmkrebs eine Vorsorgemöglichkeit gibt. Heute sind es 75 Prozent. Doch dass das Thema heute in weiten Teilen der Bevölkerung bekannt ist, heißt noch nicht, dass die Menschen zur Teilnahme an der Vorsorgeuntersuchung motiviert sind. Die Teilnahmeraten sind gegenwärtig noch zu gering, da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Sie haben die Webseite www.darmkrebs.de gegründet, um Patienten und Angehörige mit notwendigen Informationen zu versorgen. Welche Infos finden Betroffene dort?
Ich habe selber erlebt, wie mühsam es ist, wenn man sich als Angehörige eines Patienten alle notwendigen Informationen auf unterschiedlichen Plattformen zusammensuchen muss. Es war mir wichtig, eine Internetplattform zu schaffen, auf der Patienten und ihre Angehörigen in strukturierter Form und laienverständlicher Sprache zu allen Themen, die für ihre Erkrankung wichtig sind, möglichst umfassend informiert werden: Welche Stadien von Darmkrebs gibt es und was bedeuten sie für die Behandlung, wo soll ich mich operieren lassen, welche Therapien kommen für mich in Frage, welche Möglichkeiten zur Behandlung von Metastasen gibt es, welche sozialen Hilfen stehen zur Verfügung, etc. Es war ein langer Prozess, weil es keine Vorbilder für eine derart komplexe Patientenseite gab. Es wird dort ja nicht nur über die Therapieoptionen informiert sondern auch über die Themen rund um die Vorsorge, die Ernährung und den erblichen und familiären Darmkrebs.
Wir bemühen uns auch immer, relevante neue Erkenntnisse mit aufzunehmen. Z. B. gibt es jetzt eine Reihe von neuen Studien, die zeigen, dass Aspirin Darmkrebs vorbeugt. Da Aspirin auch Nebenwirkungen hat, wird man es nun aber nicht der ganzen Bevölkerung zur Vorbeugung empfehlen. Für Patienten mit erblichem Risiko stellt Aspirin aber sicher eine gute Option dar.

Die Felix Burda Stiftung hat gemeinsam mit Partnern die „APPzumARZT“ entwickelt. Wie kamen Sie darauf und worin unterstütz die App ihre Benutzer?
Die Stiftung gehört zu einem Medienkonzern, da befasst man sich dauernd mit neuen medialen Möglichkeiten. Die Idee war von Anfang an, dass Darmkrebsvorsorge in einen größeren Zusammenhang eingebettet werden sollte. Herausgekommen ist eine App, die als eine Art Gesundheitsmanager und Vorsorgekalender für die ganze Familie fungiert. Es wird für alle Familienmitglieder, auch die Kinder, an die anstehenden Impf- und Zahnvorsorgetermine, an Herz-/Kreislauf-Checks und andere Vorsorgeuntersuchungen erinnert, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Insgesamt enthält die App 13 Impfungen und 13 Vorsorgeuntersuchungen. Man kann sie sich übrigens kostenfrei im Internet herunterladen.

Das Katholische Klinikum Essen wurde im Jahr 2013 mit dem Felix Burda Award ausgezeichnet. Welche Voraussetzungen muss eine Klinik erfüllen, um den Preis zu gewinnen?
Für die Stiftung ist es wichtig, dass ein preiswürdiges Projekt nicht nur intern für die eigenen Mitarbeiter umgesetzt wird. Je mehr Organisationen von außen eingebunden werden und je mehr Menschen erreicht werden, desto besser. Das Katholische Klinikum Essen hat viele unterschiedliche Aktionen durchgeführt, um auf die Darmkrebsvorsorge aufmerksam machen, und es hat vor allem die Aktionen gut miteinander vernetzt. Von den 50.000 im Raum Essen im Aktionszeitraum angeforderten Stuhltests waren mehr als 2000 positiv. D. h. bei diesen wurde Blut im Stuhl entdeckt und den Betroffenen geraten, die Ursache durch eine Darmspiegelung abklären zu lassen. Dem einen oder anderen ist dadurch sicher erspart geblieben, dass bei ihm irgendwann ein fortgeschrittener – und nicht mehr heilbarer – Darmkrebs entdeckt wird. Das ist das eigentliche Ziel solcher Aktionen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Maar. Das Gesund in Essen Team.
Essen, 05.08.2014