Dr. Hans-Georg Krengel sieht Fettleibigkeit als gesellschaftliches Problem
„So dick war Deutschland noch nie“, titelt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Laut ihrem aktuellen Ernährungsbericht sind 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen übergewichtig. Der Anstieg von Adipositas sei besorgniserregend. Dr. Hans-Georg Krengel, Leitender Arzt der Medizinischen Klinik I – Gastroenterologie, Hepatologie und Ernährungsmedizin am Katholischen Klinikum Essen, kennt die Ursachen und weiß, wie sie behoben werden könnten.

Zarte Schokopralinen, knusprige Pizza oder ein erfrischendes Kaltgetränk: Die TV-Werbung ist voll mit reizvollen Leckereien,die einem auf der Couch das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. „Werbespots bringen zu 70 Prozent Nahrungsmittel – und darunter viel süße Ernährung“, stellt Dr. Krengel fest. Der Griff in den Kühlschrank oder die Süßigkeitenschublade ist vorprogrammiert.

Der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zufolge nahm der Anteil adipöser Männer von 1999 bis 2003 um 40 Prozent und der adipöser Frauen um 24,2 Prozent zu. Am Berufsende seien 74,2 Prozent der Menschen zu dick, also jeder bis jeder zweite. Die Folgen von Fettleibigkeit können nach Aussage des Mediziners unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen sein. Durch das höhere Gewicht seien Betroffene darüber hinaus unbeweglicher und würden häufiger stürzen. Die Warnung vor zu viel Bewegung setze aber wiederum einen Teufelskreis in Gang.

Fettleibig durch gesellschatliche Zwänge

Der Ernährungsspezialist und Diabetologe sieht  Fettleibigkeit vor allem als gesellschaftliches Problem. Werbung reize zu übermäßigem Essen ebenso wie gesellschaftliche Zwänge. Gastgeber stopften ihren Besuchern die Teller voll, um zu zeigen: Wir geben gern. Gäste signalisierten durch geleerte Teller mit ebenso falscher Höflichkeit, dass es ihnen geschmeckt hat.

Aber nicht nur das Essverhalten, sondern auch mangelnder Elan ließen Fettpolster wachsen. Hervorragende Nahverkehrsverbindungen, die Bequemlichkeit des Autofahrens, häufig ausfallender Sportunterricht oder ein umfangreiches Konsolen-Angebot führten zu weniger Bewegung an der frischen Luft.

„Für manche Kinder ist das größte Abenteuer heute mit einem Handy, das nur noch zwölf Prozent Akku hat, das Haus zu verlassen“, bedauert der Arzt, der auch die Lebensmittel-Hersteller in die Verantwortung nimmt: Fast allen Lebensmitteln sei Fruktose als Sirup zugesetzt. Der aus Fruchtzucker hergestellte, verhältnismäßig preisgünstige Nahrungszusatz sei 20 Prozent süßer als Traubenzucker, erhöhe den Blutzuckerspiegel nicht, mache aber dennoch dick. „Es stellt sich kein Sättigungsgefühl ein“, bemängelt Dr. Krengel. „Fruchtzucker hört sich zwar gut an, ist es aber nicht. Das ist Augenwischerei.“

Dass es vielen trotz guter Vorsätze nicht gelingt, Gewicht zu verlieren, ist für Krengel deshalb vollkommen nachvollziehbar. Ein Kilogramm Fett entspreche etwa 9.000 Kalorien. „Wenn man neun Tage hungert, um ein Kilogramm runterzubekommen, ist das sehr enttäuschend“, so der Arzt. Und die Veränderung würde man nicht mal bemerken.

Diäten sind unsinnig

Diäten hält der Arzt ohnehin allesamt für unsinnig. Viele der Hungerkuren würden zu einem Mangel an wichtigen Bestandteilen führen. Auch Fettabsaugen und Darmtherapien kann er nichts abgewinnen. „Fett absaugen bringt nichts“, meint der Mediziner, „Fettzellen  regenerieren und lagern wieder Fett ein“. Die Krankenkassen würden einem solchen Eingriff auch nur zustimmen, wenn wegen des Übergewichts bereits Lebensgefahr besteht. Ebenso seien bei sogenannten Darmtherapien die Heilungschancen schlecht. Dr. Krengel setzt lieber auf gute Beratung. „Das Wichtigste ist, dass Übergewichtige wissen, was gesund ist und was sie essen sollten.“ Kommen Fettleibige zu ihm, schaut er zunächst, ob Stoffwechselerkrankungen zugrunde liegen. Auch falsche Darmkeime oder genetische Veranlagung können ihren Teil beitragen. Allerdings bedauert der Internist: „Meist kommen Patienten mit Übergewicht erst dann zu mir, wenn Folgeerkrankungen schon eingetreten sind.“ Dann gilt es, auch die zu behandeln.

Prof. Dr. Hans-Georg Krengel, Leitender Arzt der Medizinischen Kliniken I & IV

Dr. Hans-Georg Krengel, Leitender Arzt der Medizinischen Kliniken I & IV

Obst und Gemüse statt Kekse und Schokolade

Krengel wünscht sich schon früher ein Umdenken. Richtig wäre aus Sicht des Mediziners, qualitativ hochwertig, aber dafür weniger zu essen, viel Wasser statt süße Säfte zu trinken und Bewegung in den Alltag zu integrieren. Lieber Treppen als den Fahrstuhl nehmen, besser das Rad als das Auto. Dazu müsste sich aber auch gesellschaftlich Grundlegendes ändern: Der Breitensport sollte ebenso stärker gefördert werden wie Betriebssport in den Pausen. In Büros sollten Obst und Gemüse statt Kekse und Schokolade der Mitarbeitermotivation dienen. Außerdem ist Krengel für die Einführung der oft debattierten Lebensmittel-Ampel. Schädliche Inhaltsstoffe müssten schon auf der Verpackung zum Beispiel durch einen roten Punkt als solche deklariert werden. Ginge es nach ihm, würde nicht nur Zigarettenwerbung, sondern auch Reklame für Süßigkeiten verboten.

 

 

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