Der Integrationsmodell Ortsverband Essen e. V. ist Träger des Betreuten Wohnens und der Ambulanten Pflege für Menschen mit Handicap. Angelika Steinfurth ist Geschäftsführerin des Verbands und arbeitet bereits seit vielen Jahren mit Kranken und behinderten Menschen zusammen.

Frau Steinfurth, wie lange arbeiten Sie bereits für das Integrationsmodell Ortsverband Essen e. V. (IM)?
Hauptamtlich arbeite ich seit 29 Jahren beim IM. Im Rahmen einer ehrenamtlichen Initiative war ich bereits seit 1976 am Aufbau des Integrationsmodells beteiligt.

Frau Steinfurth, der Verein entwickelt alternative Wohn- und Unterstützungsmodelle für Menschen mit Behinderungen. Welche Unterstützung erfahren Menschen im Rahmen dieser Projekte?
Das hängt ganz vom Projekt und den Bedürfnissen der Wohnenden ab. Es bestehen beispielsweise Projekte, in denen rund um die Uhr ein Mitarbeitender anwesend ist, weil die im Projekt lebenden Menschen auf Unterstützungsleistungen angewiesen sind, die ad hoc gewährt werden müssen. Dazu gehören beispielsweise nächtliche Toilettengänge, Getränke anreichen, Veränderung der Lage im Bett…
Im Projekt Einzel- und Paarwohnen erhalten Menschen in ihren eigenen Wohnungen ambulante Unterstützungsangebote.

Die Menschen, die das Projekt Alternatives Wohnen in Anspruch nehmen, könnten ohne dieses Projekt nicht alleine leben. Welche Behinderungen oder Erkrankungen haben die Bewohner?
In unseren Häusern leben Menschen mit ganz unterschiedlichen geistigen oder körperlichen Behinderungen oder Erkrankungen. Im Parkinsonprojekt wohnen Menschen mit unterschiedlichen neurologischen Erkrankungen.

Wer kann sich für die Projekte bewerben und wie wird entschieden, wer einen Platz bekommt?
Das Parkinson Projekt ist auf Wunsch von Parkinsonerkrankten entwickelt worden, die bereits vor Ihrem 40. Geburtstag an Parkinson erkrankt sind. Ist in diesem Haus eine Wohnung frei, stellen sich die Bewerber den dort Wohnenden vor. Die Hausgemeinschaft entscheidet dann gemeinsam, welcher Bewerber in ihre Gemeinschaft passt. Das bedeutet, dass nicht automatisch der nächste auf der Warteliste Stehende aufgenommen wird.

Inwiefern unterscheiden sich diese Wohnprojekte von betreuten Heimen?
Die Projekte ermöglichen es den Wohnenden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Jeder erhält einen eigenen Mietvertrag und ist dadurch frei in seinem Handeln. Die Mieter haben der Normalität entsprechend beispielsweise eigene Schlüssel und können kommen und gehen, wann sie möchten. Sie können Besuch empfangen und alles tun, was wir Menschen ohne Behinderung eben auch tun. Es funktioniert wie in einer Familie. Wenn man über Nacht weg bleibt, gibt man einfach Bescheid, damit die anderen sich keine Sorgen machen.

Weshalb ist diese Form der Integration in die Gesellschaft für kranke und gesunde Menschen besonders wichtig?
Bei unseren Projekten geht es immer um Inklusion. Menschen ohne Behinderung bauen Berührungsängste gegenüber Behinderten ab und ermöglichen ihnen so, ein Teil der „gesunden“ Gesellschaft zu sein. Es geht darum, miteinander zu leben und Dinge zu unternehmen. Irgendwann steht dann nicht mehr die Behinderung im Vordergrund, sondern die gemeinsamen Gespräche und Unternehmungen. Menschen sollen helfen, weil sie es gerne tun und nicht, weil sie Mitleid haben. Durch unsere Arbeit bekommen gesunde Menschen einen anderen Blickwinkel auf die Dinge. Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Unter unseren früheren Zivildienstleistenden waren einige, die heute Ärzte an Kliniken sind. Wir bekommen immer wieder mit, dass die Arbeit bei uns den Grundstein für einen ganz natürlichen und ganzheitlichen Ansatz im Umgang mit behinderten Menschen gelegt hat. Das ist besonders im Krankenhausalltag wichtig.

Neben den Wohnprojekten organisiert der IM Freizeitaktivitäten. Was für Aktivitäten sind das und was kommt bei den Bewohnern am besten an?
Die Aktivitäten sind unterschiedlich und wechseln, je nach dem, was für Ideen eingebracht werden. Wir bieten Kreativitätskurse an, wie zum Beispiel den Nähtreff, Kerzenziehen oder Märchenkurse, bei denen Märchen vorgelesen werden und die Teilnehmer selbst auch Märchen erzählen.
Momentan gibt es auch ein großes Theaterprojekt: Eine Gruppe behinderter und nicht behinderter Erwachsener lernt Improvisationstheater. Dabei werden sie von einer Theaterpädagogin unterstützt. Finanziell wird dieses Projekt von der Aktion Mensch und weiteren Stiftungen bezuschusst; sonst wäre es nicht durchführbar.

Apropos Finanzierung: Sie finanzieren sich durch Gelder des Landes und Spenden. Haben Sie auch Bedarf an Sachspenden oder ehrenamtlichem Engagement?
Ja, immer! Wir haben derzeit etwa 30 ehrenamtliche Helfer. Da übernimmt jeder eine andere Aufgabe und bringt sich so ein, wie es für ihn möglich ist. Wir freuen uns über jede Unterstützung. Es gibt zum Beispiel den Fall, dass eine Dame sehr gerne backt. Wir dürfen bei Festen gerne auf sie zukommen, sie steuert dann einige Kuchen und anderes Gebäck bei. Vor zwei Jahren haben wir eine hauptamtliche Mitarbeiterin eingestellt, die sich ausschließlich um die Koordination und Begleitung der Ehrenamtlichen kümmert.
Auch Sachspenden sind willkommen. Diese stellen wir in einen geschützten Bereich im Internet ein, auf den nur unser Personal und unsere Bewohner Zugriff haben. Dann kann sich melden, wer daran Interesse hat.
Als gemeinnütziger Träger ist das Integrationsmodell gerne bereit und in der Lage Spendenquittungen auszustellen.

Wie erleben Sie die Wahrnehmung der Arbeit des IM in Essen?
Vielleicht sind wir oftmals zu selten in der Presse, deshalb sind wir weiten Teilen der Bevölkerung nicht bekannt – obwohl es uns schon seit über 30 Jahren gibt! Doch selbst behinderte Menschen bzw. Angehörige werden oft erst auf uns aufmerksam, wenn sie gezielt nach betreuten Wohnmöglichkeiten suchen. Selbstverständlich stehen wir mit den Essener Politikern und der Verwaltung in direktem Kontakt, um unsere Projekte realisieren zu können.

Wie organisieren Sie Wohnraum für das Projekt Alternatives Wohnen? Können Privatpersonen mit Wohneigentum hier unterstützen?
Für unsere Projekte müssen die Häuser ganz spezifisch eingerichtet sein. Jeder Wohnende benötigt ein eigenes Badezimmer, einen eigenen Wohn-Schlafbereich und gegebenenfalls eine kleine Pantryküche. Darüber hinaus sind ein Aufenthaltsraum und eine große Küche zur gemeinschaftlichen Nutzung erforderlich.
Besonders gut eignen sich nicht mehr genutzte Pfarrhäuser: sie sind schon an die Gemeinde angeschlossen und es ist leichter, Kontakt zu nicht behinderten Anwohnern zu finden.
Wenn Privatpersonen gerne Eigentum zur Verfügung stellen wollen, freut uns das natürlich. Aufgrund unserer vielfältigen Anforderungen eignen sich nur wenige Häuser zur barrierefreien Umgestaltung.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Steinfurth. Ihr Gesund In Essen Team.
Essen, 28.07.2014

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