„Expertenwissen aus Betroffenheit“, so beschreibt Antje Liesener, Leiterin der Bundeskoordinationsstelle des Netzwerks Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen, das besondere Wissen von Selbsthilfegruppen. Denn in Selbsthilfegruppen kommen Menschen zusammen, die ähnliche Themen beschäftigen und gemeinsame Interessen verfolgen. Für Kliniken wird die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen immer wichtiger.

Das Katholische Klinikum Essen hat bereits erfolgreich zahlreiche Kooperationsbeziehungen mit lokalen Selbsthilfegruppen geknüpft, um den gemeinsamen Erfahrungsaustausch über das Gesundwerden und –bleiben in der Region zu verbessern. Diese Bestrebungen wissen die Patienten am Katholischen Klinikum Essen zu schätzen: Sie erhalten für die psychologische und soziale Seite ihrer Erkrankung eine weiterführende Hilfestellung und bekommen von den ärztlichen und pflegerischen Mitarbeitern wertvolle Empfehlungen für die Nachsorge und Therapie außerhalb der Klinik.

Ein selbsthilfefreundliches Krankenhaus zeichnet sich dadurch aus, dass es den Kontakt zwischen Patienten und Selbsthilfegruppen fördert, Selbsthilfegruppen aktiv in ihrer Arbeit unterstützt und die eigenen Behandlungsmethoden um die Erkenntnisse und das Erfahrungswissen aus der Selbsthilfe ergänzt. Inwieweit ein Krankenhaus als „selbsthilfefreundlich“ einzustufen ist, überprüft das Berliner Netzwerk „Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen“. GesundinEssen sprach mit Antje Liesener, Koordinatorin des Netzwerks, darüber, was Krankenhäuser heute in der Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen leisten können und wie „Selbsthilfefreundlichkeit“ machbar ist.

Frau Liesener, was sind die Ziele und Aufgaben Ihres Netzwerks – und wie profitieren Patienten davon?
Das Netzwerk wurde 2009 von Einrichtungen und Organisationen gegründet, die Forschungsarbeiten und Projekte rund um das Thema Selbsthilfefreundlichkeit durchgeführt hatten, und ihre Ergebnisse und Erfahrungen in einem gemeinsamen Verbund weiterführen wollten. Gemeinsam wurde das Konzept „Selbsthilfefreundlichkeit als Qualitätsmerkmal“ entwickelt, dass die Netzwerkmitglieder in ihren jeweiligen Arbeitszusammenhängen – Selbsthilfeorganisation, Gesundheitseinrichtung oder Selbsthilfekontaktstelle – als Partner umsetzen. Seit 2013 führen wir diese Tätigkeiten unter dem Dach des Deutschen Paritätischen Gesamtverbands in Berlin fort. Hier konnte das Netzwerk dank der Förderung durch AOK, BARMER GEK, BKK und Knappschaft eine Bundeskoordinationsstelle einrichten, die bundesweit interessierte Gesundheitseinrichtungen und die Selbsthilfe zum Netzwerkkonzept informiert und berät.

Wie ist das Netzwerk entstanden?
Mit dem Handlungsansatz „Selbsthilfefreundlichkeit“ können Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen ihre Patientenorientierung zielgerichtet fördern und ausbauen. Schritt für Schritt leiten wir sie an, selbsthilfefreundliche Strukturen in der Einrichtung zu schaffen, damit die Zusammenarbeit mit den ehrenamtlich Aktiven der Selbsthilfe verbessert und erfolgreich gestaltet werden kann. Oftmals entscheiden ja bereits die knappen Ressourcen, ob eine Zusammenarbeit zustande kommt und gelingt – umso wichtiger sind dann klare Zuständigkeiten und Absprachen. Ein Beispiel: die Zusammenarbeit zwischen Kliniken und Selbsthilfegruppen kann bereits vereinfacht werden, wenn es in der Gesundheitseinrichtung einen eigenen Ansprechpartner gibt, einen Selbsthilfebeauftragten, der Türöffner für die Selbsthilfegruppen im Haus ist, ihre Belange und Präsenz im Haus unterstützt und gemeinsam mit den Gruppen Ideen für weitere Aktivitäten entwickelt.

Wie wichtig ist Selbsthilfe heute für Patienten und Kliniken?
Heute ist allen Beteiligten klar, dass die Selbsthilfe eine wichtige Rolle in der Versorgung von Patienten spielt: Hier finden Menschen nach der Diagnosestellung Unterstützung und Information. Gleichbetroffene kennen die immer wieder auftauchenden Fragen, Ängste und Schwierigkeiten, die im Zuge eines Lebens mit Krankheit auftreten und haben Verständnis auch für immer wieder gleiche Fragen und Zweifel. Sie können Mut und Hoffnung geben und gleichzeitig praktische Tipps für den Alltag. Gleichzeitig hat die Selbsthilfe aber mehr zu bieten, als „nur“ die gegenseitige Unterstützung. Viele Selbsthilfeaktive sind bereit, ihr „Erfahrungswissen aus Betroffenheit“ auch mit den Fachkräften in der Gesundheitsversorgung zu teilen um z.B. Behandlungen zu verbessern und Anstöße für eine bessere Versorgung von Patienten zu geben. Selbsthilfefreundliche Gesundheitseinrichtung haben Interesse von eben diesem Erfahrungswissen der Selbsthilfeaktiven für ihre eigene Arbeit zu profitieren: wie sollten Prozesse im Behandlungsalltag laufen, damit Patienten sich darin gut versorgt fühlen? Welche Aspekte des Alltagslebens mit der Erkrankung sollten auch in Therapien Berücksichtigung finden? Wann und wie sind Angehörige sinnvoll einzubinden?

Selbsthilfeaktive verfügen darüber hinaus über viele Kontakte zu Mitpatienten und können Kliniken und Ärzten daher wertvolles Feedback über die Zufriedenheit mit Behandlungen und Versorgung geben und Anregungen, wo Verbesserungen möglich wären. Dafür sind aber Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung notwendig. Mit der Einführung der Selbsthilfefreundlichkeit signalisiert ein Haus, dass es die Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe sucht und diese transparent, vertrauensvoll und auf Augenhöhe gestalten möchte – wir liefern das Handwerkszeug, damit dies gelingt.

Wie unterstützen Sie Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen? Welche konkreten Ressourcen werden für mehr Selbsthilfefreundlichkeit benötigt?
Wir sind Vermittler des Handlungskonzepts und geben als Netzwerk den Rahmen in Form von Struktur und Inhalten für die Gestaltung der Zusammenarbeit vor. Das ist für viele Einrichtungen eine große Hilfestellung, ist die Zusammenarbeit doch bislang meist auf wenige Kontakte und das besondere Engagement von Einzelpersonen zurückzuführen.
Wir ermutigen Gesundheitseinrichtungen, ihre Kooperation systematisch und strukturiert zu gestalten: indem sie z.B. im Rahmen eines gemeinsamen Qualitätszirkels gemeinsam mit interessierten Selbsthilfegruppen und der örtlichen Selbsthilfekontaktstelle passgenaue Maßnahmen vor Ort entwickeln. Das Netzwerk gibt für diesen Prozess sogenannte Qualitätskriterien vor und stellt Fragen, deren Beantwortung vor Ort gemeinsam mit allen Beteiligten entwickelt werden muss: Wie können / wollen / sollen Selbsthilfegruppen in einer Einrichtung sichtbar werden? Wie können Patienten an die Selbsthilfe vermittelt werden, wo gibt es verlässliche Ansprechpartner? Welche Räumlichkeiten können zur Verfügung gestellt werden, wie ist die Nutzung geregelt? Wie werden Mitarbeiter informiert und geschult, damit alle wissen, was Selbsthilfe ist und wie das Haus mit ihr zusammenarbeitet? Wie kann sichergestellt werden, dass die Selbsthilfe regelmäßig Gehör findet und ihre Patientensicht einbringen kann?

Zu diesen Kriterien erhalten die Kooperationspartner eine Arbeitshilfe mit vielen Praxisbeispielen und Ideen für gelungene Kooperationen. Denn das Rad muss nicht neu erfunden werden – es gibt ja bereits viele Beispiele für erfolgreiche Zusammenarbeit. Das Netzwerk fördert daher den gegenseitigen Austausch und stellt seinen Mitgliedern immer wieder Best-Practice-Beispiele vor.

Gesundheitseinrichtungen, die das Konzept Selbsthilfefreundlichkeit erfolgreich eingeführt und umgesetzt haben, können ihre Selbsthilfefreundlichkeit auch auszeichnen lassen. Seit 2011 vergibt das Netzwerk u.a. das Gütesiegel „selbsthilfefreundliches Krankenhaus“. Wir freuen uns, dass es immer mehr Krankenhäuser gibt, die sagen „Wir wollen selbsthilfefreundlich werden“! Denn die Einbindung und Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe ist nicht zuletzt auch ein Beitrag zur Bewältigung der demografischen und gesundheitspolitischen Herausforderungen, indem Patientenbeteiligung und Patientenkompetenz gefördert und gestärkt werden.

 

Kontakt:
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V.
Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen
Oranienburger Str. 13 – 14
10178 Berlin
Tel.: 030/24636 – 339
Fax: 030/24636 – 110
Email: selbsthilfefreundlichkeit@paritaet.org
www.selbsthilfefreundlichkeit.de