Computerspielen beansprucht den Körper und das Gehirn.Viele Eltern fragen sich ,welche Folgen stundenlanges Zocken für das Gehirn und die Psyche ihres Kindes haben kann. In einer zweiteiligen Serie geben Dr. Christoph Eicker, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie, Hand- und Fußchirurgie, Priv.-Doz. Dr. Horst Gerhard, Chefarzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie, und Prof. Cornelius Wurthmann, Chefarzt Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Auskunft. Lesen Sie in Teil zwei über die Auswirkungen auf das Gehirn und die Psyche.

Herr Dr. Gerhard, beim Zocken leidet nicht nur der Bewegungsapparat. Auch das Gehirn kann durch die Reizüberflutung überfordert sein.
Das ist richtig. Vor allem bei schnellen Spielen klagen manche Spieler über Schwindel, Unruhe, Übelkeit, Kopfschmerz oder schnellen Herzschlag. Das können unter Umständen Symptome der Motion Sickness, beziehungsweise ihrer Unterform Gaming Sickness sein.

Was genau ist das?
Motion Sickness tritt auf bei starken optischen Reizen oder Veränderung des Lageempfindens. Es entsteht also eine Diskrepanz zwischen der optischen oder akustischen Wahrnehmung und der empfundenen Körperhaltung. Der Spieler sitzt bewegungslos auf seinem Stuhl, die visuellen und akustischen Reize spielen ihm allerdings vor, dass er sich in einem Raum bewegt. Diese widersprüchlichen Informationen können vom Gehirn nicht zugeordnet werden, wodurch Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen ausgelöst werden können.

Kann man dagegen etwas tun?
Es kann helfen, weit weg vom Bildschirm zu sitzen. Denn wenn man weiter weg sitzt, erfaßt das Auge den gesamten Bildschirm ohne große Augenbewegungen, und dem Gehirn wird eher deutlich, dass es sich hier um ein bewegtes Bild handelt, der eigene Körper aber still steht. Die Größe des Blickwinkels im Spiel spielt dabei eine große Rolle. Kleine oder übergroße Blickwinkel überfordern das Gehirn.

Gibt es Möglichkeiten, die Symptome zu lindern?
Theoretisch kann man die Symptome mit Medikamenten bekämpfen. Das ist bei Gamern nicht angebracht, da sie durch Weglassen des Reizes, also durch Nichtspielen, keine Symptome mehr haben. Einige Psychologen bieten auch Desensitivierungsprogramme an. Manchmal ist Gaming Sickness auch eine Begleiterscheinung von körperlichen Fehlhaltungen beim Spielen. Muskelentspannungstechniken können eventuell für Besserung sorgen. Um die Symptome zu reduzieren, sollten Betroffene nicht spielen, wenn sie übermüdet sind und darauf achten, Spiele, welche die Symptome hervorrufen, nicht zu spielen.

„Fear of Missing out“ (FOMO) ist die Angst, etwas verpassen zu können und bezieht sich überwiegend auf Soziale Netzwerke. Gibt es das auch bei Videospielen, Prof. Wurthmann?
Ja, auch bei Videospielen gibt es dieses Phänomen – durch den persistenten Online-Modus. Heißt: Die Spielwelt entwickelt sich immer weiter – auch wenn man selbst gerade gar nicht spielt. Fomotiker sind oft unkonzentriert und abgelenkt, weil sich ihre Gedanken immer um den Wunsch drehen, ständig erreichbar bzw. online zu sein. Das paradoxe an dieser Angsterscheinung ist, dass die Betroffenen nicht zufriedener werden, wenn sie dann Zugang zu Internet oder Spielen haben.

Welche Folgen hat diese Angst?
Die Angst, ständig etwas zu verpassen, kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Es kann zu Depressionen kommen oder psychosomatische Beschwerden wie Magen-Darm-Probleme auslösen. Das muss aber nicht sein. Wer soziale Kontakte persönlich pflegt, Sport treibt, eine zufriedenstellende Arbeit hat und neben dem Computerspielen anderen Hobbies nachgeht, der leidet wahrscheinlich seltener an FOMO. Oft reicht nach dem Erkennen, dass man an FOMO leiden könnte, die dominanten Faktoren wie das ständige Verwenden von Smartphones einzuschränken, denn FOMO ist keine Sucht, sondern eine abnorme Gewohnheit, die andere Lebensbereiche stört.

Vielen Dank für das Gespräch Dr. Gerhard und Prof. Wurthmann. Ihr Gesund In Essen Team.
Essen, 21.10.2014

Lesen Sie auch Teil 1 des Interviews, in dem Dr. Eicker auskunft über die richtige Rückenhaltung beim Zocken gibt.

Außerdem finden Sie Sie einen ausführlicheren Artikel zu diesem Thema bei BILDplus.